Erinnerung an Dirigent Claudio Abbado : Öffentliche Ehrung und stilles Gedenken

In Wien und Luzern, Bologna und Ferrara wird der verstorbene Dirigent Claudio Abbado öffentlich geehrt. Die Berliner Philharmoniker dagegen wählen den Weg des stillen Gedenkens. Ein Skandal, finden viele Fans.

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Claudio Abbado
Claudio AbbadoFoto: Peter Fischli

In Bologna haben sie Claudio Abbados Leiche nach seinem Tod am 20. Januar zwei Tage lang aufgebahrt, in der Basilica di Santo Stefano, gleich um die Ecke von seiner letzter Wohnung. Und alle kamen, um von dem großen Dirigenten Abschied zu nehmen, Italiens Staatspräsident Giorgio Napoletano, die Intendanten der wichtigsten Opern- und Konzerthäuser, Künstlerfreunde und natürlich die im Verein der „Abbadiani itineranti“ organisierten Fans. Spontan griffen mehrere Musiker am Grab zu ihren Instrumenten, spielten Werke, die der Maestro besonders geliebt hatte.

In Wien, wo Abbado ab 1986 Musikdirektor der Staatsoper war, fand bereits am 20. Februar eine Gedenkfeier statt, mit Reden österreichischer Kulturgrößen und musikalischen Beiträgen. In Ferrara wurde am 21. März das historische Stadttheater nach Claudio Abbado benannt, anschließend spielte das von ihm mitbegründete Mahler Chamber Orchestra. Und am Vierwaldstättersee, wo der Italiener seit 2002 jeden Sommer seine Lieblingsinstrumentalisten zum Lucerne Festival Orchestra zusammengerufen hatte, wird eben diese Formation am heutigen Sonntag ein Konzert geben, zu seinen Ehren. Es gibt einen Satz aus Franz Schuberts „Unvollendeter“, dem letzten Werk, das unter Abbado in Luzern erklang, dann folgen Alban Bergs Violinkonzert „Dem Andenken eines Engels“ mit Isabelle Faust sowie Gustav Mahlers dritte Sinfonie. Dirigent ist Andris Nelsons, der auch die von Abbado noch selber konzipierten Programme im August übernimmt.

Und in Berlin? Die hiesigen Philharmoniker warten geduldig, bis die Termine im Mai heranrücken, die seit Abbados Abschied von der Stadt für die Konzerte reserviert waren, die der Italiener hier jährlich noch zu dirigieren pflegte. Am 16., 17. und 18. Mai werden die Musiker zunächst ohne Dirigent Schuberts „Rosamunde“ und Mozarts G-Dur-Violinkonzert mit Frank Peter Zimmermann interpretieren, nach der Pause führt dann Simon Rattle bei Bruckners Siebter den Taktstock. Wortbeiträge sind nicht geplant, keine Kulturpolitiker-Reden, keine Hölderlin-Lesung seines Freundes Bruno Ganz, keine Abschiedsworte aus dem Kreis der Künstler und Intellektuellen, mit denen Claudio Abbado einst seine legendären Berliner Themenzyklen konzipiert hatte.

Ist das zu spät und zu wenig? Viele Abbado-Fans finden das Verhalten des Orchesters zu zurückhaltend. Claudio Abbado hat den Verjüngungsprozess der Philharmoniker liebevoll begleitet, er hat das Orchester an ästhetische Positionen herangeführt, die unter Karajan ausgeblendet blieben, er hat den Horizont jedes einzelnen Mitglieds erweitert. Ihm verdanken die Philharmoniker ihren Aufbruch ins 21. Jahrhundert. Aber sie haben auch eines von ihrem caro Claudio gelernt: dass Stille das höchste Gut in der Musik sein kann. Wenn sie Ausdruck gedanklicher Präsenz ist, wenn sie von Respekt vor der Kunst kündet.

„Einfach zusammen Musik machen“, lautete Claudio Abbados Credo. Der Kult um seine Person irritierte ihn immer. Deshalb hat er sich gewünscht, dass sein Körper eingeäschert werden möge und dass die Familie den Urneninhalt in alle Winde verstreut. Der Gedanke, sein Grab könne sich zur Pilgerstätte entwickeln, erfüllte ihn mit Unbehagen. Das Schweigen die Berliner Philharmoniker, es hätte ihm wohl gefallen.

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