Kultur : Erinnerung an dunkle Zeiten

Chinas Intellektuelle und die Barbarei

Seit April verschleppt. Der Künstler Ai Weiwei ist in Ungnade gefallen. Die chinesischen Behörden halten ihn mit abstrusen Anschuldigungen gefangen. Die Proteste aus dem Westen drohen zu verstummen, der Fall gerät in Vergessenheit. Foto: dpa
Seit April verschleppt. Der Künstler Ai Weiwei ist in Ungnade gefallen. Die chinesischen Behörden halten ihn mit abstrusen...Foto: picture-alliance/ dpa

Wie sich die Zeiten ändern – oder nicht. Eine Gruppe namhafter Intellektueller hatte sich in Schanghai zur „Chinesischen Liga der Bürgerrechte“ zusammengeschlossen und in einem offenen Brief die Verfolgung von Künstlern und Intellektuellen angeprangert. Wir veröffentlichen das Dokument in Auszügen:

„Es besteht keine Pressefreiheit, keine Rede- und Versammlungsfreiheit, kein Recht, sich zu organisieren. Das gesamte fortschrittliche geistige und kulturelle Leben wird abgewürgt. Große Künstler werden jeder Arbeitsmöglichkeit beraubt und drangsaliert, ihre Werke zerstört und verbrannt. Selbst gemäßigte Presseorgane werden unterdrückt und ihre Herausgeber inhaftiert. Ausländische Pressemeldungen werden aufs Schärfste zensiert.

Die ,New York Times’ berichtet ,verzweifelte Geschichten von Frauen, deren Ehemänner aus dem Bett gezerrt und unmenschlich geschlagen wurden, und von denen man seither nichts mehr gesehen und gehört hat’. Derartige Vorgänge haben sich in der Geschichte der Menschheit nur während der dunkelsten Zeiten der Ignoranz und Barbarei ereignet, als große Geister für ihr weitblickendes Denken auf dem Scheiterhaufen bezahlen mussten. Die Chinesische Liga für Bürgerrechte protestiert aus Schärfste gegen diese Vorfälle, die sich auch in der gesamten Presse Europas und Amerikas niedergeschlagen haben. Wir protestieren gegen die Unterdrückung fortschrittlich gesinnter Denker, die das soziale, intellektuelle und kulturelle Leben lähmt.“

Dieser Brief wurde am 13. Mai 1933 als Reaktion auf die Bücherverbrennung in Deutschland geschrieben und Vertretern der deutschen Regierung überreicht. Zu den Unterzeichnern gehörte die Elite des chinesischen Geisteslebens: der Dichter Lu Xun, der Schriftsteller und Kulturphilosoph Lin Yutang, der Rektor der Peking-Universität und vormalige Bildungsminister Cai Yuanpei sowie etliche führende Wissenschaftler und Journalisten.

Es gehört zu den ruhmreichen Seiten in Chinas Geschichte, dass seine besten Köpfe ihre Stimme erhoben, während im vermeintlich so zivilisierten Heimatland von Goethe und Schiller die braune Barbarei aufzog. Der Brief wurde dem damaligen deutschen Generalkonsul übergeben, der ihn an den Botschafter in Peking weiterleitete. Während er in Schanghais Presse für Furore sorgte, reagierte der deutsche Botschafter mit den typischen Zynismen der Macht: „Die angezeigten Meldungen sind entweder unbeglaubigte Propaganda oder maßlos übertrieben und verdienen keinerlei Glauben. Ich sehe mich unter diesen Umständen nicht in der Lage, das Schreiben entgegenzunehmen, und sende es hiermit zurück.“ Tsp

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