Kultur : Erinnerung an einen verglühten Kometen

HEINZ OHFF

Genau heute vor zwanzig war in Berlin die Geburtsstunde der Jungen Wilden - mit einer Ausstellung von SaloméVON HEINZ OHFFJubiläen haben es in sich.Sie werden gewöhnlich im feuilletonistischen Alltag nur zu gern gefeiert, lassen aber so gut wie jeden, der an ihnen teilnimmt, ernüchtert zurück.Denn die Vergangenheit setzt nur zögernd so etwas wie verschönende Patina an.Nur ungern sieht man im Sog der Zeit verschwinden, was eben noch wie ein lebendiger Impuls erschien. Du meine Güte - da soll es schon zwanzig Jahre her sein, daß am Berliner Kunsthimmel das Sternbild der "Jungen Wilden" aufging, wie wir sie (oder wie sie sich selbst) nannten.Jung und frech machten sie ihre Selbsthilfegalerie am Moritzplatz zum Ausgangspunkt einer nicht nur Berliner und nicht nur deutschen, sondern internationalen Karriere! Von West-Berlin aus, damals noch einer Insel, schien das geradezu abenteuerlich, umsomehr als die jungen Maler auch nicht mit der notwendigen Provokation sparten.Sie benahmen sich bohemesk und spielten in Salomés Rockband mit, die sich "Die geilen Tiere" nannte, was dann auch prompt zu einer Anzeige nebst Gerichtsverhandlung führte. Manche Kritiker verglichen das Auftauchen dieser Malergruppe - freilich meist im nachhinein - mit dem eines Kometen.Aber das war doch wohl etwas zu hoch gegriffen, wie wir wissen, seit sich der Komet als Meteor herausgestellt hat, denn der ist rasch verglüht.Mag es in der Kunst keinen Fortschritt geben, so schreitet sie doch munter voran.Wobei nicht alles, was sie Neues bringt, so schrecklich neu ist, wie es Malern, Kritikern, Sammlern, Käufern und nicht zuletzt Galeristen und Ausstellungsmachern zunächst vorkommt.Man warte bei jeder angeblich neuen Kunstrichtung ab, daß der Überraschungseffekt nachläßt, und prüfe dann erneut. So schrecklich neu war auch nicht, was Salomé, Helmut Middendorf, Rainer Fetting und Bernd Zimmer, das vierblättrige Ur-Kleeblatt vom Moritzplatz, in die Welt gesetzt haben.Was sie übrigens auch nie behaupteten, wie man hinzufügen muß.Das Prinzip einer Selbsthilfegalerie war bereits eine Berliner Nachkriegstradition.Die Großgörschener, von denen unter anderem der gleichfalls meteorhaft verloschene "Kritische Realismus", aber auch eine internationale Karriere wie die von Markus Lüpertz ausging, hatten sie Anfang der sechziger Jahre eingeführt.Und sie war schon oft nachgeahmt worden.Das galt auch für den malerischen Inhalt und den Stil ihrer Arbeiten.Beides übernahmen sie von einem ihrer Lehrer an der Hochschule der Künste.Auf den guten, alten deutschen Expressionismus von Paula Becker bis zur "Brücke" zurückzugreifen, war ein - damals ziemlich überraschender - Gedanke von Karl Horst Hödicke.Seine neu-alte Leidenschaft steckte bald auch einige seiner Schüler an - und sogar HdK-Studenten, die bei anderen Lehrern waren. Eines gelang den vier "Wilden" jedoch großartig, nämlich innerhalb einer neo-expressionistischen Tendenz einen eigenen, individuellen Platz zu finden.Salomé, der geistreichste unter ihnen, wurde populär sowohl mit provokanten Themen als auch herkömmlichen, die er immer leicht satirisch anzulegen pflegte, etwa Schwimmer oder sogar die eigentlich dem Impressionismus vorbehaltenen Seerosen.Helmut Middendorf und Rainer Fetting wurden Chronisten der Jugend ihrer Zeit, und Zimmer, der sich ständig beklagte, im Schatten der anderen zu stehen, ein Meister der glutvollen, blühenden Landschaften. Der Moritzplatz-Erfolg setzte sich in Berlin 1980 im Haus am Waldsee fort.Zum internationalen bedurfte es einer weiteren Starthilfe - da kam die erste "Zeitgeist"-Ausstellung von Christos Joachimides und Norman Rosenthal 1982 zur rechten Zeit.Schwer zu sagen, wer wen damals hochgeschaukelt hat, der Zeitgeist die Jungen Wilden (die dann rasch aus dem Joachimides-Rosenthal-Programm wieder verschwanden) oder die Jungen Wilden, die schon in den USA einige Ausstellungen gehabt hatten, den Zeitgeist. Auf jeden Fall trägt der Zeitgeist, weder der vielbeschworene noch derjenige der prominenten Ausstellungsmacher, die neoexpressionistischen "Wilden" weiterhin in die höchsten Höhen des Kunsterfolges.Die Maler, jetzt mittleren Alters, gibt es noch, und sie malen (und verkaufen) noch.Eine Sensation wie einst sind sie nicht mehr.Die Zeiten ändern sich erbarmungslos.Jubiläen haben es tatsächlich in sich.

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