Kultur : Erinnerung, sprich

Vom Sammeln und anderen Wiener Leidenschaften: Die Film-Viennale feiert ihr 40. Jubiläum

Peter W. Jansen

Zwei Jahre danach ist sie wieder da, Agnès Varda, mit der Welturaufführung ihres Films „Deux ans après“ (Zwei Jahre danach), nahezu frenetisch begrüßt vom Publikum, das den großen Saal des Wiener Gartenbaukinos bis zum letzten Platz füllt. Die 74-jährige Französin, klein gewachsen, aber unübersehbar und quicklebendig, bedankt sich, indem sie Englisch spricht. Mehr noch als bei der Berlinale ist Englisch bei der Viennale die zweite Festivalsprache geworden – mit der Tendenz, an die erste Stelle zu rücken. Ob im Hotel, in den Kaffeehäusern, den Bars: Überall wird man zuerst auf Englisch angesprochen. Joseph Roth wäre hier ein Fremder.

„Deux ans après“ bezeichnet in jeder Hinsicht zwei Jahre danach. Vor zwei Jahren war Varda mit „Les glaneurs et la glaneuse“ (Die Sammler und die Sammlerin) in Wien: Der Dokumentarfilm über Sammler aller Sorten – von den Bedürftigsten, die sich von Weggeworfenem ernähren, bis zu den Sammlern aus Passion und den Spinnern – war ein spielerisches Lehrstück über Ökologie. Zwei Jahre danach hat die französische Filmemacherin die Sammler von einst wieder aufgesucht und gefragt, was sie über den Film von damals zu sagen haben und ob und wie und was sie weiter sammeln.

Die Spinne im k.u.k.-Imperium

Im Mittelpunkt stehen jetzt freilich weniger die „glaneurs“ als die „glaneuse“ selbst, die eine eigene Kollektion angelegt hat: Briefe, Postkarten, Sammlerobjekte. Was fehlt in dem mehr unterhaltsamen als aufklärerischen Film, ist das Sammeln als Krankheit; kein Messie weit und breit, keine Müllhalde des Nutzlosen, keine Spur von Wahnsinn. Aber vielleicht kommt das ja noch – in dem Film „Deux ans après deux ans après“?

Das Sammeln in Form von diversen „Tributes“ gehört durchaus zu diesem Wiener Festival, das charakteristischer nicht konzipiert sein könnte für eine Stadt, die sich so große Mühe gibt, leicht an ihrer schweren Vergangenheit zu tragen. Dabei ist sie längst wieder die Spinne im mitteleuropäischen Netz des einstigen k.u.k.-Imperiums. Vielleicht will sie ja amerikanisch werden, um darüber hinwegzutäuschen, dass sie aus europäischen Armenhäusern stammen, die Kellner aus Bosnien und die Taxifahrer aus Rumänien. Und dass die Russen-Mafia, die ihre blutigen Geschäfte in Budapest betreibt, hier donauaufwärts ihre Familien angesiedelt hat.

Während das Österreichische Filmmuseum dem „Kino des Jacques Rivette“ eine Retrospektive widmet, gelten die diesjährigen Viennale-„Tributes“ der Schauspielerin Sissy Spacek, dem Maler-Regisseur Jürgen Böttcher und dem Kameramann-Regisseur Ed Lachman. Der hat mal für Werner Herzog, Wim Wenders und Volker Schlöndorff fotografiert, und zeichnet jetzt für den knallbunten Bilderbogen von Todd Haynes’ „Far from Heaven“ verantwortlich. Sein Film sieht so aus, als sei er in der Zeit entstanden, über die er etwas glaubt, erzählen zu müssen: über mittelständische rassistische und sexistische Vorurteile Ende der 50er Jahre in der tiefsten amerikanischen Provinz, melodramatisch. Man denkt an Douglas Sirk und möchte weinen.

Das Festival ist der Erinnerung an die Filmkritikerin Frieda Grafe gewidmet, die viel zur Reputation der Viennale beigetragen hat. Enno Patalas, ihr Mann, und Igor Patalas, der Sohn, haben ihr einen 60-Minuten-Film gewidmet: eine Kompilation als Hommage. Eine erstaunlich umfangreiche Retrospektive gilt außerdem dem filmischen Werk des in Deutschland wenig beachteten Universalisten Klaus Wyborrny, der als Physiker, Maler, Musiker, Literat, Regisseur und Filmdozent arbeitet. Dazu gehört der im Verlauf von zwölf Jahren seit 1990entstandene Film „Sulla“, eine wortgewaltige Disputation über das Verhältnis von Politik und Sexualität; Hanns Zischler beeindruckt darin nach Kräften onanierend – auf dem Feldbett unter einer leichten Decke liegend.

Und das Aktuelle? Filme von Paul Schrader, Liu Hao, Jacques Nolot, Akiniko Shiota, Carlos Reygadas, Filme von Unbekannten und bekannte Filme von anderen Festivals. Die Mischung und die fleißige Maulwurfarbeit des Festivalleiters Hans Hurch beweist jedes Jahr aufs neue, dass es ein anderes Rezept für ein gutes Filmfestival nicht geben kann als die Liebe zum Kino.

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