Kultur : Erinnerung, sprich!

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SCHREIBWAREN

Steffen Richter sucht

die Überlebenden des 20. Jahrhunderts

Fast könnte man glauben, Überleben sei eine Erfahrung, die erst das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat. Nicht weil die Gruppe der Überlebenden so zahlreich wäre. Sondern weil das Säkulum mit Hitlers und Stalins Lagern so viele tödliche Katastrophen bereithielt. Wer aber soll von den Gräueln erzählen, wenn die letzten unmittelbaren Zeugen gestorben sind?

Der Spanier Jorge Semprún, selbst von den Nazis im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert, wünscht sich eine neue Art von Büchern, die diese Erfahrungen weitergeben: „kühn in der Erfindung oder der getreuen Rekonstruktion der Wahrheit; bescheiden in der peinlichen Beachtung des Wahrscheinlichen“. In Soazig Aarons Tagebuch-Erzählung „Klaras Nein“ (Friedenauer Presse) glaubt er ein solches Buch gefunden zu haben. Die Französin Aaron wurde 1949 geboren. Ihr gewagtes Unternehmen besteht darin, sich Auschwitz vorzustellen. Und das, obwohl die ästhetischen Standards lange Zeit von dokumentarischen Werken gesetzt wurden: Peter Weiss’ Theaterstück „Die Ermittlung“ oder Claude Lanzmanns Film „Shoah“. Aaron erfindet sich die Tagebuchschreiberin Lika, die ihre aus Auschwitz zurückkehrende Schwägerin Klara in Paris in Empfang nimmt. Nur langsam macht deren (Über-)Lebensverweigerung, Klaras „Nein ick fill nich“, einer bruchstückhaften Erzählung Platz. In Frankreich war Aarons Buch eine Sensation. Nun kommt die Autorin am 10.3. ins LCB (20 Uhr).

Wer „da unten“, wie Klara bei Aaron sagt, nicht umkam, war in der Folge oft ein Flüchtling, heimatlos überall. Edgar Hilsenrath emigrierte als Kind 1938 aus Halle/Saale zu Verwandten in die Bukowina. 1941 deportierte Deutschlands treuer rumänischer Verbündeter 200000 Juden in die Ukraine. 100000 sind dort gestorben. Hilsenrath entzieht sich den sowjetischen Befreiern, die unter den überlebenden Ghetto-Insassen Zwangsarbeiter rekrutieren. Er geht nach Palästina, Frankreich und Anfang der fünfziger Jahre nach New York. Dort schreibt er mit „Nacht“ seinen ersten Roman. Der bricht mit der Regel, Juden als wehrlose Opfer darzustellen und zeigt sie in einem brutalen Kampf ums Überleben, deformiert von den faschistischen Repressionen. Auch Hilsenraths spätere Bücher wie „Der Nazi und der Friseur“ treten den Beweis an, dass schwarzer Humor oft aus einer melancholischen Verlusterfahrung erwächst. Von dem international erfolgreichen Autor, der seit 1975 in Berlin lebt, erscheint nun eine Werkausgabe im Kölner Dittrich Verlag. Am 10.3. wird der erste Band „Fuck America – Bronskys Geständnis“ in der Literaturwerkstatt (Kulturbrauerei) in Anwesenheit des Autors vorgestellt (20 Uhr).

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