Kultur : Erinnerung

Am 11. September wäre er 100 Jahre alt geworden. Bis dahin zitieren wir täglich Theodor W. Adorno

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Wahr ist, dass die Gabe der Erinnerung in der rasch sich ändernden Gesellschaft unter dem Zwang, zeitgemäßere Fähigkeiten zu entfalten, sich zurückbildet. Die Reflexion der Völker auf ihre Geschichte ist seit je der herrschenden Richtung gefolgt; heute bleibt ihnen zu solcher Reflexion keine Zeit. Ohne lohnende Funktion im Zweckzusammenhang der Gegenwart hat Vergangenheit, private wie historisch relevante, wenig Aussicht, im Bewusstsein zu erscheinen. Sie ist „past history“, totes Kapital. Um Zinsen zu tragen, müsste es als Element sozialer Integration, als Instrument der Ausrichtung brauchbar, zumindest für einen Augenblick politisch passend sein. Das ist die Aussicht der Ermordeten, im Bewusstsein wieder aufzustehen, seien es Polen, Juden, Deutsche, oder wer je in der Geschichte Freiwild war.

Aus: Vorworte zu den „Frankfurter Beiträgen zur Soziologie“, zu: Paul W. Massing: Vorgeschichte des politischen Antisemitismus, 1959. In: Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften. Hrsg. Rolf Tiedemann unter Mitwirkung von Gretel Adorno, Susan BuckMorss und Klaus Schultz. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1997.

WAS ADORNO SAGT (1)

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