Erinnerungen an die Gegenwart : Moritz Rinkes Weihnachtsansprache

Dieser Regen, diese ganzen Europakrisengipfel, die besorgniserregenden Zustände beim Klimagipfel: Moritz Rinke verzweifelt an Weihnachten.

von
Moritz Rinke
Moritz RinkeFoto: Mike Wolff

Ich frage mich auch, ob ich mir bei all den nicht eingehaltenen Treibhausgasemissionen im nächsten Jahr überhaupt noch einen Weihnachtsbaum kaufen kann? Und wenn ja, wie bezahle ich ihn? Mit dem Euro? Und wird Berlin dann unter Wasser stehen oder wird wüstenartiges Klima herrschen?

Mein Weihnachtsbaum (Nordmanntanne!) stand Tage zum Abtropfen in der Badewanne. Einmal saß ich daneben und dachte, wann wohl die erste Fotosynthese stattgefunden hat und ob sie nicht für Weihnachtsbäume eine Grundvoraussetzung ist? Ja, die Fotosynthese muss schon dem Homo Sapiens geholfen haben, Blätter zu essen und unter Bäumen zu liegen. Weihnachtsbäume hatte der Homo Sapiens noch nicht, die hatte erstmals Liselotte von der Pfalz aufgestellt, auch weil ihr Mann, der Bruder von Ludwig XIV., sich nur mit Höflingen vergnügte und sie unterfordert am Hof herumsaß. Auf jeden Fall hat der Weihnachtsbaum seit Liselotte alles überstanden, sogar die Französische Revolution, die Agrarrevolution, die kleine Eiszeit und den Kommunismus.

Mittlerweile sah ich gerührt auf meinen Baum, vielleicht war ich sogar kurz vor einer Besinnlichkeit, wenn nicht mein Verkäufer den Stamm mit Zeitungspapier umwickelt hätte. Hielt ich den Kopf schräg, las ich: „Wüstenrots Sexskandal!“ Die baden-württembergische Bausparkasse finanzierte Mitarbeitern Bordellbesuche im „Club Barbarella“ für 203 000 Euro, sie wurden sogar mit einem Bus vorgefahren. Na ja, dachte ich, wenn sich der Bruder von Ludwig XIV. auf Kosten der Franzosen im Palais Royal amüsierte, dann können die Mitarbeiter der Bausparkasse ja mal ins Barbarella, aber gleich darunter stand: „Deutsche Bank betrügt!“ Ausgerechnet mit „CO2-Zertifikaten“! Handel mit „Luftverschmutzungszertifikaten“, bei dem sich Geschäftsleute mithilfe der Bank Umsatzsteuererstattungen von 230 Millionen Euro ergaunerten!

Ich riss sofort die Seite mit den betrügerischen CO2-Zertifikaten von meinem Baum, auch der Sexskandal musste weg. Darunter hatte der Verkäufer noch eine Seite mit „Berliner Ex-Justizsenator sichert sich Lohnfortzahlungen!“ gewickelt. Also, auch dieser Braun in meinem Baum! Elf Tage im Amt, davor dubiose Immobiliengeschäfte und dann schön Lohnfortzahlungen beziehen!

Das Telefon klingelte und ein Mann von einem Callcenter rief an, um mir eine Riester-Rente zu verkaufen: „Sie gehen im Jahre 2036 in Rente, hoffentlich in die Riester-Rente!“, sagte er. „Ist der Herr Riester nicht mittlerweile Aufsichtsrat bei der Bausparkasse in Schwäbisch Hall?“, fragte ich. Dann legte ich auf und riss alle Zeitungsseiten vom Weihnachtsbaum: „Bundespräsident bezog Privatkredit von Unternehmergattin“ – „Künftiger FDP-Generalsekretär begeht Fahrerflucht“ – „Neonazi-Zelle bezog Zuwendungen vom Verfassungsschutz“ – „Karl-Theodor zu Guttenberg stürmt Bestsellerliste“ und fordert in Brüssel mehr „Internetfreiheit“. Man möchte in die Tanne beißen! Dieser Guttenberg! Diese FDP! Der Verfassungsschutz! Sogar der Bundespräsident! Und die Deutsche Bank macht auch noch Geld aus der Luftverschmutzung, wie besinnlich ist das denn?!

Ich überlegte mir, was wohl der Bundespräsident in seiner Weihnachtsansprache sagen wird, dann schrie ich meine eigene Ansprache in die Wanne: „Weihnacht ist ein großes Fest, das der Teufel feiern lässt!“ Toller, irgendwie nachdenklich machender Satz, oder? Der ist von mir! Fast. Eigentlich ist er von Liselotte von der Pfalz. Ich habe ihn mir wie Guttenberg aus dem Internet kopiert.

5 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben