Kultur : Erinnerungen an einen emigrierten Star

Weihnachten 1971 besuchte Romy Schneider, die damals mit ihrem Sohn David und ihrem Ehemann Harry Meyen in Berlin lebte, ihre Nachbarin Hildegard Knef. Im Fernsehen lief eine Aufzeichnung von Peter Steins Schaubühnen-Inszenierung des "Peer Gynt", die ein Triumph für Bruno Ganz war. Romy hockte sich, mit einer Rotweinflasche bewaffnet, ganz nah an den Fernseher, in den sie nach und nach förmlich hereinkroch. Alle anderen, einschließlich ihr Mann, schien für sie an diesem Heiligen Abend nicht mehr zu existieren. Es war die Ankündigung vom Ende einer Ehe.

Bettina Dohse schildert in ihrer zum 20. Todestag von Romy Schneider erschienenen, 420 Seiten umfassenden Biografie ("Romy. Eine biografische Hommage", Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg) diese verrückte Szene, die das Dilemma und die Spannung deutlich macht, mit der Romy Schneider in jenen Jahren in ihrem Verhältnis zu Deutschland stand. Es war eine Zeit kulturellen Hochmuts, Romy wurde immer noch als "Sissi", als süßliche 50er-Jahre-Ikone belächelt, eine Heldin in Zuckerguß. Und ihr Mann, eigentlich eher ein mittelmäßiger Boulevardier, blickte auf sie herunter, hielt nichts von ihrer Schauspielerei, und sie suchte sich zu retten, indem sie in Bruno Ganz ein neues Idol sah - wie immer auf der Suche nach einem Ersatzvater und der deutschsprachigen Heimat.

Dabei war sie zu dieser Zeit in Frankreich schon arriviert, Visconti setzte sie im Film und im Theater ("Schade, dass sie eine Hure ist") meisterhaft in Szene, Orson Welles verfilmte mit ihr Kafka. Claude Sautet, der romantische Realist, ein Meister der Eleganz und Einfühlsamkeit, über den man aber im ideoligisierten 68er Deutschland die Nase rümpfte, machte sie zum Star seiner Filme.

Und hierzulande? Als sie eines Abends mit Bruno Ganz ins Hotel am Steinplatz kam, wo sie nach der Trennung von Harry Meyen wohnte, wollte der Nachtportier Ganz nicht passieren lassen. Es kam zum Eklat, Ganz warf den Sittenwächter durch die Scheibe - so jedenfalls stand es dann in den Zeitungen. So jedenfalls ging man damals in Berlin mit der Schauspielerin um, die es mit ihrer Kunst, ihrer weich modulierenden und gefühlsstarken Stimme, mit ihrem schönen ausdrucksvollen Gesicht zum Weltstar brachte. Die einzige Frau, der das neben Marlene Dietrich und Hildegard Knef für Deutschland glückte. Heute vor 20 Jahren ist sie, erst 43, in Paris am Herzversagen gestorben. Drei Bildbände erinnern jetzt an sie: "Adieu Romy" (Schirmer / Mosel Verlag, München), Will McBride "Romy" (Knesebeck Verlag, München) und Helga Kneidl "Romy. Drei Tage im Mai" (Lardon Media Verlag, Berlin), dem wir unser Bild entnehmen: Zeugnis einer erst spontanen, dann immer intensiveren Begegnung zwischen Fotografin und Schauspielerin im Pariser Mai 1973, direkt nach Romys Trennung von Harry Meyen.

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