Kultur : Erinnerungen: Die Wunde Algerien

"Sie wirkt, die Folter. Die meisten Menschen brechen zusammen und reden. Dann erledigt man sie gewöhnlich. Hatte ich Gewissensbisse? Ich muss gestehen: nein." Wer spricht hier? Pol Pot? Klaus Barbie? Nein, es ist der 83-jährige Paul Aussaresses, General im Ruhestand, der so unverblümt auspackt. Vor einem halben Jahrhundert war er der gefürchtete "Commandant O.", der Geheimdienstchef, der in der beiderseits mit äußerster Roheit geführten "Schlacht um Algier" selbst mit Hand anlegte und, wie er freimütig einräumt, zwei Dutzend FLN-Aktivisten persönlich erledigte.

Dieses Geständnis machte er in einem Interview schon vor einigen Monaten. Aber jetzt holt er noch weiter aus. In seinem Erinnerungsbuch "Services spéciaux, Algérie 1955 - 57" (Perrin) beschreibt er auf 200 Seiten die damals angewandten Methoden in allen Einzelheiten. Das offizielle Frankreich ist schockiert. Oder sagen wir lieber: verärgert. Denn was der mitteilungsfreudige Veteran erzählt, ist seit langem bekannt. Schon während des Krieges nahm ein anderer General, Jacques Paris de Bollardière, eine Disziplinarstrafe in Kauf, als er gegen das brutale Vorgehen der Paras protestierte. Auch über die Foltermethoden gibt es einschlägige Literatur. Aber schwarz auf weiß aus der Feder eines der Hauptverantwortlichen - das ist neu. Neu ist auch der klinische Ton, in dem sich der Täter zu seiner Tat bekennt.

Es ist vor allem dieser Ton, der verärgert. Seit einem knappen Jahr versuchen einige Zeitungen, im Verein mit den Grünen und den Kommunisten eine Gewissenserforschung über die verdrängte Vergangenheit anzustoßen. Bei der Regierung hatten sie damit kein Glück, wohl aber bei dem 92-jährigen General Massu, dessen Fallschirmjäger damals die Kasbah auskämmten. Heute bedauert er, was er damals anordnete. Nicht so Aussaresses. Er hält die Zerknirschung seines alten Chefs für weltfremd: "Wenn jeden Tag in Paris, in den Cafés, auf Sportplätzen und anderswo, Bomben explodieren, glaubt man ernsthaft, dass die Regierung, die Polizei und die Justiz dagegen nur mit den klassischen Methoden vorgehen würde?"

Ministerpräsident Jospin hat sich über den "widerlichen Zynismus" des Buches erregt. Aber da Amnestiegesetze über die in Algerien verübten Verbrechen einen dichten Schleier des Vergessens breiten, braucht Aussaresses die Strafjustiz nicht zu fürchten. Auch die Entschuldigung bei der algerischen Regierung, die, wenn die Tageszeitung "Libération" richtig gezählt hat, 56 Prozent der Franzosen wünschen, ist in naher Zukunft kaum zu erwarten.

Jospin hat schon abgewinkt. Er und sein Mitbewerber um das Amt des Präsidenten wissen, dass die algerische Wunde noch blutet und dass ein unbedachter Zungenschlag viele Stimmen kosten kann. Die Aufarbeitung, darin sind sich Jospin und Chirac einig, ist nicht Sache der Regierung, sondern der Historiker. So wird es in Frankreich üblicherweise gehandhabt. Die Armee hat die Unschuld des Hauptmanns Dreyfus erst im Februar 1998 offiziell anerkannt - 92 Jahre nach seinem Freispruch. Ganz so lange wird es mit dem Algerienkrieg vielleicht nicht dauern.

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