Kultur : Erinnerungen teilen

Steffen Richter

erwartet einen spanisch-deutschen Literaturgipfel Es ist gerade zwei Monate her, dass auf der Madrider Plaza San Juan de la Cruz das letzte Franco-Denkmal der Stadt entfernt wurde. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion ließ die sozialistische Regierung die sieben Meter hohe Bronzestatue des Caudillo demontieren. Einige haben Beifall geklatscht, andere Blumen niedergelegt. Lange Zeit hat sich Spanien schwer getan, die Themen Bürgerkrieg und Franco-Diktatur öffentlich zu verhandeln – mit einer gespaltenen Gesellschaft hätte sich der sanfte Übergang zur Demokratie kaum reibungslos bewerkstelligen lassen. Nun, dreißig Jahre nach Francos Tod, kehrt die Erinnerung an den Diktator mit Wucht zurück. Seit im Jahr 2000 franquistische Massengräber entdeckt wurden, jagen sich Konferenzen zur Erinnerungskultur, werden die Opfer rehabilitiert. Wunderbare Romane von Juan Marsé oder Javier Cercas leuchten die finstere Zeit in ihren widersprüchlichen Facetten aus. Aber waren in der Bundesrepublik nicht auch zwei Jahrzehnte vergangen, bis die NS-Verbrechen Bestandteil des gesellschaftlichen Selbstverständnisses zu werden begannen?

Die spanisch-deutschen Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Umgang mit der Geschichte beschäftigen vom 26. bis 28. Mai ein Großaufgebot an Politikern, Historikern, Soziologen und Schriftstellern im Instituto Cervantes (Rosenstr. 18–19, Mitte) Nach der Eröffnung des Symposiums durch die beiden Außenminister Fischer und Moratinos sowie Jorge Semprún (26. 5., 14 Uhr 30) werden Günter Grass und Juan Goytisolo sich über die Zukunft der Erinnerung unterhalten (27. 5., 20 Uhr). Zum Abschluss gibt es ein Gespräch mit Imre Kertesz (28. 5., 20 Uhr).

Was aber ist aus den einstigen Franco-Gegnern geworden? Aus denen, die als Mitglieder kommunistischer Zellen Flugblätter vor Fabriktoren verteilten und sich mit Molotowcocktails bestens auskannten? Rafael Chirbes lädt die Veteranen des Widerstands zum Abendessen in ein Gourmetrestaurant. Dort hängen sie bei einem opulenten Mahl mit Reismehlravioli, gehobeltem Trüffel und Gänseconfit ihren verlorenen Illusionen nach. Geredet wird über das Einüben ins bürgerliche Leben – und darüber, wie jenseits aller Politik die Ressource Lebenszeit knapp wird. Und Chirbes webt nach „Der lange Marsch“ (über den Bürgerkrieg) und „Der Fall von Madrid“ (über Francos Tod) mit seinem neuen Roman „Alte Freunde“ (Kunstmann) weiter an seinem spanischen Gesellschaftspanorama. Am 25. Mai kommt er mit seinem virtuos konstruierten Roman ins LCB (Am Sandwerder 5, Zehlendorf, 20 Uhr).

Komplettiert wird diese spanische Woche mit dem größten spanischen Romancier überhaupt. Denn neben Schiller- und Einstein-Jahr gibt es schließlich noch das 400. „Don Quijote“-Jubiläum. Und da der Großroman eines Großautors nach Großthemen verlangt, unterhalten sich der Mexikaner Carlos Fuentes und Juan Goytisolo bereits heute (19 Uhr 30) im Instituto Cervantes über nichts Geringeres als Sinn und Funktion der Literatur. Von Erinnerungskultur dürfte auch hier die Rede sein.

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