Erinnerungskultur : Mahnmal und Manie

Die Zahl der Gedenkstätten und Trauerorte in aller Welt nimmt zu, die Motive ihrer Errichtung sind nicht immer eindeutig. Immerhin: Die Deutung der Vergangenheit und deren Veranschaulichung in Mahn- und Denkmalen ist jedesmal Gegenstand öffentlicher Debatten.

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Da war doch mal ein World Trade Center. Eines der beiden „Voids“ des New Yorker Mahnmals für 9/11. Foto: Justin Lane/p-a
Da war doch mal ein World Trade Center. Eines der beiden „Voids“ des New Yorker Mahnmals für 9/11. Foto: Justin Lane/p-aFoto: picture alliance / dpa

Lange Zeit wurde das historische Erinnern in Deutschland mit dem Gedenken an den Völkermord des Nazi-Regimes gleichgesetzt. Das Holocaust-Gedenken wurde zu einer „säkularen Religion“. Die ersten Holocaust-Gedenkstätten entstanden in der Bundesrepublik der achtziger Jahre, seit der Wiedervereinigung stieg ihre Zahl stark an. Dabei ist die künstlerische Bandbreite eingeengt durch die verbreitete Überzeugung, das „Unvorstellbare“ der Verbrechen dürfe nicht durch Darstellendes verkleinert werden. Es herrschen, abgesehen von den mit Eisenbahnelementen auf „Transport“ anspielenden gegenständlichen Beispielen, abstrakte und konzeptualistische Formen vor, Denk-Mäler im übertragenen Sinn.

Das Motiv der „Leere“ hat sich als besonders eingängig erwiesen. Daniel Libeskind operiert in seinem Entwurf zum Jüdischen Museum mit „voids“, mit Leerstellen, denen vom Architekten ausdrücklich die Funktion eines Erinnerungsanstoßes zugewiesen wurde. Doch die Leere als Verweis auf Verstorbene, Getötete und Ermordete ist nicht auf die Opfer des NS-Regimes beschränkt.

Der knapp 3000 Toten des Terroranschlags auf die Doppeltürme des World Trade Center wird in eben dieser Weise gedacht. Das 9/11-Memorial am New Yorker Ground Zero, vor zwei Monaten zum 10. Jahrestag des Anschlags eingeweiht, ist ein solches „umgekehrtes“ Denkmal: Architekt Michael Arad ließ die Fundamentausschachtungen der verschwundenen Türme leer und macht sie durch an allen vier Seiten herabfallendes Wasser unzugänglich. Rings um die beiden derart betonten Leerstellen ziehen sich bronzene Bänder, die alle 2983 identifizierten Namen der Opfer tragen.

Das New Yorker Mahnmal, dem im kommenden Jahr noch ein großflächiges Museum folgen soll, steht in den USA nicht allein. „In den zurückliegenden Jahrzehnten wurden tausende neuer Mahnmale für hingerichtete Hexen, Opfer von Terrorismus und verstorbene Astronauten über die amerikanische Landschaft verstreut“, schreibt die Amerikanerin Erika Doss in ihrem Buch „Memorial Mania“, „gemeinsam mit solchen, die Bürgerrechte, Organspender und das Ende des Kommunismus feiern.“ Das im vergangenen Jahr erschienene Buch (University of Chicago Press, 488 S., 35 USD) lieh seinen provokanten Titel jetzt einem Symposium der Berliner American Academy im Haus der Kulturen der Welt.

Doss konstatiert in ihrem Heimatland „eine Obsession mit Geschichte und Erinnerung“ und zählt die unterschiedlichsten Motive von Denkmalserrichtungen auf: Ärger, Trauer, Dankbarkeit, Scham und andere mehr. Inzwischen gibt es allein 400 Erinnerungsstätten für den Anschlag von „9/11“. Dass viele Denkmale sich einer minimalistischen Formensprache bedienen und beim Besucher Gefühle von Angst und Verlorenheit hervorrufen, während gleichzeitig ihre Aussage undeutlich bleibt, sollte gerade hierzulande zu denken geben, wo Peter Eisenmans Holocaust-Mahnmal bewusst solche Emotionen verursachen will.

An Ground Zero allerdings ist von Verunsicherung nichts zu spüren. Im Gegenteil, täglich drängen Tausende auf das Mahnmalsgelände, Eintrittskarten müssen im Internet reserviert werden, und rundum findet sich aller Touristenkram von Postkarten bis zu 9/11-T-Shirts.

Die Vermischung eines persönlichen Trauerortes mit den sorgfältig geordneten Namen der Opfer mit einem Ort der Selbstvergewisserung der Nation ist nicht neu. Sie hat ihr Vorbild im Vietnam Veterans Memorial in Washington, das 1982 im Bruch mit der Tradition heroischer Denkmäler an herausragendem Ort der amerikanischen Hauptstadt eingeweiht und zum Ort einer zugleich individuellen wie kollektiven Trauer über die 58 261 getöteten US-Kriegsteilnehmer wurde. Die Namen aller Gefallenen, das war seinerzeit neu, finden sich eingraviert in die in den Boden eingeschnittenen Granitmauern des Mahnmals.

Typologisch besteht damit ein Bezug zu den Soldatenfriedhöfen, wie sie nach 1918 auf den Schlachtfeldern angelegt wurden. Ein nach dem Ersten Weltkrieg neuartiger Denkmalstypus sucht das massenhafte, entpersönlichte Sterben in der symbolischen Vergegenwärtigung des „Unbekannten Soldaten“ fassbar zu machen, durch unidentifizierte Gebeine und eine ewige Flamme. Die radikalste Ausprägung befindet sich in London mitten auf der Straße Whitehall: der „Cenotaph“, ein leerer Denkmalssarg.

Dessen Inschrift „Den glorreichen Toten“ würde hierzulande keinem Denkmal mehr zugedacht. Ob es indessen glorreiche oder zumindest positive Ereignisse gibt, die im Denkmal gefeiert und verewigt werden dürfen, ist Gegenstand einer sehr deutschen Diskussion. Am geplanten Berliner „Freiheits- und Einheitsdenkmal“ hat diese Frage ihren konkreten Gegenstand gefunden. Der siegreich aus dem Wettbewerb hervorgegangene Entwurf einer überdimensionalen Wippe, deren Schaukelbewegung den politischen Anstoß durch „das Volk“ des Herbstes 1989 andeuten soll, hat heftige Kritik hervorgerufen. Event statt Erinnerung – das ist ein Vorwurf, der auf eine heterogene, individualisierte Gesellschaft zurückverweist, die sich auf eine gemeinsame „nationale Erzählung“ gerade nicht mehr einigen kann und will.

Was aber bewegt Menschen, gerade die schrecklichen Seiten der Geschichte, und das heißt für Deutschland unwiderruflich: den NS-Völkermord, für denkmalwürdig und sogar -bedürftig zu erklären? Unter dem Titel „Gefühlte Opfer“ haben Ulrike Jureit und Christian Schneider ein Buch veröffentlicht, das sie in der Potsdamer Landeszentrale für Politische Bildung zur Diskussion stellten (Klett-Cotta , Stuttgart 2010, 250 S., 21, 95 €). Die Identifikation mit den Opfern des Holocaust, die die Autoren vermuten, bilde die Kehrseite einer spezifischen „Unfähigkeit zu trauern“, nämlich einer Trauerarbeit, die den Abschied von den Objekten der eigenen affektiven Zuwendung bedeutet. Die 68er-Generation, die die Verarbeitung der NS-Geschichte in Gang gesetzt hat, habe sich von den eigenen, verstrickten Eltern abwenden wollen und stattdessen mit den Opfern identifiziert, wie der Sozialpsychologe Schneider ausführt. Es sei, so Jureit, zu einer „Konjunktur des Opferstatus gekommen, und an die Stelle der ursprünglichen, gesellschaftskritischen Funktion der Geschichtserinnerung sei routinierte „Entrüstungs- und Betroffenheitsrhetorik“ getreten.

Um wen trauern, wenn sie denn trauern, die Besucher eines Holocaust-Mahnmals? Und um wen die Besucher der Neuen Wache, in der die Käthe-Kollwitz-Skulptur der Mutter mit totem Sohn den radikal gewandelten, nunmehr gänzlich unheroischen Umgang mit der Erinnerung an die Weltkriegsgefallenen hierzulande bezeugt? Die Neue Wache wurde zur Einweihung 1993 aufs Heftigste befehdet. Heute ist sie längst akzeptiert.

Die Deutung der Vergangenheit und deren Veranschaulichung in Mahn- und Denkmalen ist jedesmal Gegenstand öffentlicher Debatten – das immerhin.

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