Erinnerungsliteratur : Das Schnackseln der Boheme

Von ’68 kommt niemand leicht los, aber Leidkapital lässt sich gut daraus schlagen: Bernd Cailloux’ sympathischer Erinnerungsroman „Gutgeschriebene Verluste“.

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Fast am Ende dieses Erinnerungsromans, den der Verlag mit dem Untertitel „roman mémoire“ schön französisch einparfümiert hat, beginnt man Mitleid zu bekommen mit seinem Verfasser, dem Berliner Schriftsteller Bernd Cailloux. Da schildert er, wie er unter anderem mit dem Ex-Terroristen Peter-Jürgen Book an der Uni Konstanz in einer Diskussionsrunde zum Thema ’68 sitzt, im Rahmen eines Projektes, das in Cailloux’ Buch den Titel „Wo wären wir heute, wenn es 1968 nicht gegeben hätte“ trägt (in Wirklichkeit hieß die Diskussion 2009 „Wahn und Sinn eines Aufbruchs“)

Tatsächlich fühlt er sich am Bodensee extrem unwohl, der Icherzähler dieses Romans. Nicht nur, weil er nie „im Zentrum der studentischen Bewegung“ stand, „welche Zurücksetzung, angesichts dieser von anderen erlebten Exklusivität“, nicht nur, weil es ihm die größte Pein bereitet, dem einstigen RAF-Mann auch nur die Hand zu schütteln. Sondern vor allem, weil er während seiner fünf Minuten Redezeit nicht weiß, welchen seiner Irrtümer er eigentlich verteidigen will: „Den radikalsten, als Totalverweigerer der materialistisch orientierten bürgerlichen Gesellschaft den Rücken zu kehren und so frei wie möglich von deren Konventionen zu leben? Den schönsten, der alle Macht den Drogen und dem freien Spiel der sexuellen Kräfte überlassen wollte? Oder den naivsten, eines Tages als Schriftsteller sein Leidkapital in einen Roman verwandeln zu können?“

Mitleid hat man deshalb, weil sich hier stark der Eindruck aufdrängt, dass ein alternder 68er immer auch ein melancholischer alternder 68er ist, egal welche politische Couleur er heute trägt, und von der ach so großen Zeit einfach nicht loskommt. Selbst wenn er Bernd Cailloux heißt und kein Politaktivist, sondern in der Pop-Subkultur verwurzelt und später ein „Hippie-Businessmann“ war. Cailloux hat all das vor sieben Jahren in seinem schönen und so ganz anderen 68er-Roman „Das Geschäftsjahr 68/69“ erzählt, sein „Leidkapital“ also aus jener Zeit geschlagen. Warum also nun noch der Bericht von dieser Diskussion, die den Icherzähler schlaflos in seinem Hotelzimmer zurücklässt? Der Bericht wirkt in diesem Roman deplatziert, auch stilistisch. Er vermittelt den unguten Eindruck, als sei die 68er-Zeit für den Icherzähler heute noch das Nonplusultra, ein entscheidender Dreh- und Angelpunkt. Nicht Rock ’n’ Roll hat diesem Leben seinen letzten Sinn gegeben, seine Prägung, sondern 1968.

„Gutgeschriebene Verluste“, wie der Roman heißt, ist jedoch bis auf diesen Ausreißer die Erinnerung daran, was vorher in Cailloux’ Leben war und was danach kam, als er nach acht Jahren in Hamburg in Berlin aufschlägt, im Schöneberg der mittleren und späten siebziger Jahre. Es beginnt damit, dass der Erzähler sich wie gewohnt im Café Fler einfindet, um sich mit einem alten Kumpanen und inzwischen erfolgreichen Schriftsteller zu treffen. „Café der Übriggebliebenen“ nennt eine Freundin das Fler – schließlich ist unser Mann 60 und führt immer noch das Leben eines Bohemien und Tagediebs, genau wie die anderen alten Säcke, die hier hocken.

Von diesem Ort aus treibt Cailloux seinen Roman voran. Er erzählt, was ihn aus Hamburg vertrieb und wie er im Café Mitropa in der Schöneberger Goltzstraße, dem heute noch existierenden Café M, ein- und ausging und sich unter seinesgleichen fühlte: unter den bildenden Künstlern, den wilden Malern, den angehenden Filmemachern, den Humpes, Bargelds, Mottes und Taniths, ohne genau zu wissen, „warum es die Spezies der Kunstbewegten ausgerechnet in dieses eisdielenartige Café lockte“.

Zudem erzählt er eine aktuelle Liebesgeschichte, eine von Anfang an komplizierte, nervenaufreibende mit der 45-jährigen Ella. Sie kann nur schwer mit seinen Vorstellungen von Nähe und Distanz umgehen und hat selbst einige Lebens- und Psychopäckchen zu tragen. Mit Ella reist der Erzähler auch in seinen Geburtsort Erfurt. Er erfährt, warum er kurz nach seiner Geburt im Frühjahr 1945 von der Mutter aus obskursten Gründen zum in Niedersachsen arbeitenden Vater gebracht wurde. Die Eltern trennen sich kurz darauf, und Bernd wird vom Vater nicht mehr herausgegeben und wächst bei ihm auf. „Konnte die mütterliche Zurückweisung, die als Baby erfahrene, frühe Ablehnung den Lauf eines Lebens entscheidend bestimmen? (...) Handelte es sich bei mir vielleicht um einen von Anfang an Zukurzgekommenen, einen in puncto Spiegelneuronen und Mitgefühl früh aus der Bahn geratenen?“

„Gutgeschriebene Verluste“ hat die Form einer ständigen Selbstbefragung. Hier versucht ein Autor weniger zu erzählen als seinen psychomentalen Verzweigungen auf die Spur zu kommen. Das höchst Sympathische daran: Cailloux geht schonungslos mit sich selbst um, er weiß um seine Insuffizienzen. Er ist wohl das, was man einen Verlierer nennt, sicher kein schöner, glücklicher, aber ein abgeklärter, wissender. Vor allem ist er ein zergrübelter Ironiker, der nach 1968 weder Politfreak werden noch ein geordnet bürgerliches Leben führen wollte. Zumal er als „Hippie-Geschäftsmann“ mit seinen überteuerten Psychedelik-Lichtspielen sowieso viel Geld verdiente und deshalb als „Heuchler zwischen Baum und Borke“ abgestempelt war: „Angesichts der Wahl, eine stocknormale Firma zu führen oder im Nirwana der Blumenkinder unterzugehen, war’s besser mit alledem Schluss zu machen“. Von einer Wanderschaft mit einer gewissen „inneren Logik“ ist die Rede. Interessant dürfte jedoch auch das sein, was Cailloux verschweigt: Die Familiengeschichte bleibt merkwürdig lose, angerissen. Es gibt zwar zwei Onkel, die noch eine Rolle spielen. Aber was ist zum Beispiel mit den zwei älteren Schwestern, die die Mutter mit in ihr Leben ohne den Sohn nimmt? Den Schriftsteller Cailloux interessiert das nicht – ein Familienroman, bäh! Als junger Erwachsener hatte er schließlich mit der Familie schon abgeschlossen. Und so grandios die Zeiten im Mitropa waren, so wenig erfährt man über die Zeit danach, die achtziger und neunziger Jahre, da sich Cailloux als Radiokommentator und erfolgloser Schriftsteller („Der gelernte Berliner“) durchschlägt.

Lieber schildert er die Tücken einer Interferon-Therapie aufgrund einer chronischen Hepatitis-C-Erkrankung. Mit dem Virus infizierte sich Cailloux um ’68 herum, als er alle möglichen Drogen nahm. Und so ein Virus ist ja wirklich eine schwere, lebenslange Erbschaft. Die Therapie schlägt gut an. Zweifel aber bleiben: „Was sollte die Glücksbotschaft heißen, HCV-Antikörper nicht mehr nachweisbar, aber noch da? Der Virus versteckt unter der Kniescheibe oder in einem netten, unauffälligem Ödem hinterm Ohr?“

Die Analogie ist makaber, passt aber. So leicht schreibt man sich auch mit einem Erinnerungsroman von 1968 nicht los.

Bernd Cailloux

Gutgeschriebene

Verluste.

Roman mémoire.

Suhrkamp Verlag,

Berlin 2012.

271 Seiten, 21,95 €.

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