• Erinnerungsprojekte: Das Denkmal in Schöneberg ist abgebaut, das Mahnmal am Alexanderplatz provoziert

Kultur : Erinnerungsprojekte: Das Denkmal in Schöneberg ist abgebaut, das Mahnmal am Alexanderplatz provoziert

Thomas Lackmann

Das Bayerische Viertel in Berlin-Schöneberg ist ein besonderes Quartier. Von Gedenkspezialisten aus aller Welt wird sein über viele Straßen verteiltes Denkmal "Orte des Erinnerns" - 80 Tafeln am Gehsteigrand, die auf der einen Seite antijüdische Verordnungen der NS-Administration zitieren, auf der anderen den betreffenen Alltagsbereich durch ein Piktogramm darstellen - als beispielhaft gerühmt. Seit 1999 ergänzt das Kunstamt des Bezirks dieses Denkmal von Renata Stih und Frieder Schnock durch eine work in progress-Veranstaltung: Dadurch wurde das Zentrum des Viertels, der Bayerische Platz, eine verkehrsumspülte Oase unter derzeit saftigem Rasengrün und leuchtenden Blumenbeeten (so schreibt die Kunstamtsleiterin Katharina Kaiser) "ein Ort im kollektiven Gedächtnis unserer Stadt".

Am Bayerischen Platz waren Touristen und Kiezbewohner im vergangenen Sommer und in diesem Jahr zu einer einfachen, andächtigen Zeitreise eingeladen (Tsp. 21. 6.); jetzt ist die Ausstellung "Exil II . Flucht und Vertreibung aus dem Bayerischen Viertel" abgebaut worden, weil der Etat des kleinen Kunstamtes versiegt. Ihre Besucher hatten an einem 72 Meter langen, weißen Tisch Platz genommen, Collagen aus Interviews mit nichtjüdischen und jüdischen Zeitzeugen über Kopfhörer angehört, "Erinnerungs-Alben" von und über 83 Schöneberger Exilanten angesehen und "Erinnerungssplitter" anderer Berliner von heute durchgegelesen. "Gut, dass Sie das machen! Man vergisst so schnell", schrieben sie in das Besucherbuch. "Dieses Projekt hat mir sehr gefallen, aber mir ist kalt." - "Ich schäme mich für meine Großeltern." "Ganz toll die Ausstellung hier auf dem offenen Platz! Wenn das Leben so gnadenlos weitergeht / vorbeigeht ..."

Die Resonanz der Zufallspassanten, der Heimkehrer, Dagebliebenen und Nachgeborenen, die sich in diesem und dem Vorjahr auf die biografischen Begegnungen einließen, war bisweilen zwiespältig reserviert, häufig elektrisiert und aufgewühlt. Manche der vorbereitenden Interviews wurden auf Video festgehalten, doch gerade die open air vor Ort entstandene Bewegung kann das Filmmaterial nur unzureichend festgehalten. Die Dokumentation gewinnt zwar Spannung aus dem Gegeneinander-Schneiden "nichtjüdischer" wie "jüdischer" Erinnerung: aufgenommen quasi von beiden Seiten jenes imaginären Tisches der Vergangenheit, welcher (nicht nur) auf dem Bayerischen Platz die Einen von den Anderen trennt. "Unser Englischlehrer war ein richtiges Nazidreckschwein." "Die Synagogen brennen. Ich wußte eigentlich nicht, was eine Synagoge ist, aber da sagte meine Mutter: Das gucken wir uns mal an." Aufregend wirkt die Retrospektive auch, wo moralische Selbstgewissheiten verschwimmen: beispielsweise beim Erschrecken über den eigenen Schulaufsatz zur NS-Rassenlehre ("man wußte es nicht besser"). Doch das spezielle Verdienst von "Exil II" vermag diese Aufzeichnung, die nun einem TV-Sender angeboten wird, nicht zu vermitteln: die politische Wiederbelebung des öffentlichen Raumes durch Anregungen der privaten oral history. Die Fortsetzung eines solchen Unternehmens ist eben nicht medial zu delegieren; sie wird inzwischen auch von anderen Bezirken gewünscht, die anstehende Berliner Bezirksreform allerdings verhindert vorerst solche Planungen.

Während die bundesweite Vergangenheitsdebatte derzeit durch finanzielle Gretchenfragen nach der Zwangsarbeiterentschädigung geprägt ist, während die Schöneberger im klassisch demokratischen Stil der 70er / 80er Jahre miteinander Basisgeschichte ausgegraben, zeigen am Alexanderplatz die Friedensbibliothek und das Antikriegsmuseum der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg eine altmodisch pathetisch appellierende Ausstellung: "Entfernung von der Truppe". Wo es am Bayerischen Platz (West) um ein Denkmal der Grauzonen und Beziehungen, der Trennungen und Gemeinsamkeiten geht, funktionieren in Mitte (Ost) unter der Empore der Marienkirche die Stellwände, Fotos und Texte, als leidenschaftliches Mahnmal: im ebenfalls klassischen Stil der pointierten Schwarz-Weiß-Darstellung von Schuld und Beispielhaftigkeit. Touristen aus vieler Herren Länder sehen sich in der 600-jährigen Kirche unvermittelt einer dramatischen Collage zum Thema "Kriegsdienstverweigerung im Dritten Reich" gegenüber. "Der Mensch lernt nie aus der Geschichte", schreiben sie ins Besucherbuch. "Das war schlimm, aber wie gut, daß wir sind schon Freunde!" - "Es sollte gerade jungen Leuten Mahnung in dieser schnelllebigen Zeit sein. Ich bin Jahrgang 1916, geb. in Schlesien. Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Betrachten dieser Fotos." - "Erst wenn der letzte Neonazi sich so eine bewegende Ausstellung ansieht und seine politische Ideologie ändert, wird oder ist der Mensch reif genug".

Freilich schlägt sich in den Besucherbuch-Eintragungen der Alt- und Neonazis die erworbene Reife nicht unmittelbar nieder. Der Ausstellung ist das Sendungsbewußtsein ihrer Organisatoren anzumerken, da reagiert mancher mit zynischem Ideologieverdacht. Ausführlich zeigt "Entfernung von der Truppe" die Lebenswege dreier Wehrmachtsdeserteure, des evangelischen Juristen Martin Gauger, des im Zuchthaus Brandenburg enthaupteten katholischen Bauern Franz Jägerstätter und Heinrich Bölls. Das ist Neuland: weil das Thema in der Öffentlichkeit bislang kaum zur Kenntnis genommen wird; weil die Fotos und Zitate keine Holzschnitt-Märtyrer skizzieren, sondern die Entwicklung der Persönlichkeiten zumindest ahnen lassen. Doch die optische Komposition der Präsentation missrät, wo der Dissidenten-Vita gewissermaßen im Gegenschnitt verbrecherische Weltereignisse plakativ zur Seite gestellt sind. Die Privatfotos der Guten stehen gegen die bekannte Ikonographie des Bösen - das schafft Heldenatmosphäre. Durch eine Computerschrift, die den selbstgehäkelten touch handgeschriebener Druckschrift simuliert, wird außerdem ebenfalls die sachliche Anmutung der Texte beeinträchtigt.

Trotzdem ist "Entfernung von der Truppe" eine positive Provokation für alle, die gerne verstehen würden, wie der Alltagsmensch im totalitären Staat (nicht) funktioniert. Besonders die Biografie des Martin Gauger gibt es noch zu entdecken. 1934 wird der Wuppertaler Staatsanwalt entlassen, weil er den Eid auf Hitler verweigert. Als Jurist der Evangelischen Kirche setzt er sich für Pfarrer im KZ ein, verhilft der jüdischen Freundin zur Emigration. Seine Fluchtversuche ins Ausland misslingen. Die Kirche entlässt ihn, als er den Wehrdienst verweigert. Die Gestapo stuft ihn als zentrale Figur der Bekennenden Kirche ein. Aus dem KZ Buchenwald wird er 1941 mit 92 anderen Häftlingen in die ehemalige psychiatrische Anstalt Pirna-Sonnenstein überstellt und vergast. "Wenn einmal der Nebel sich zerteilt hat, in dem wir leben, dann wird man sich fragen, warum nur einige, warum nicht alle sich so verhalten haben", notierte Gauger nach seiner Verweigerung. Seine Fotos zeigen ein kantiges, später umschattetes Gesicht, Kinn-Grübchen, hohe Stirn, schmale Lippen. Die Ausstellung endet mit einem Demonstrations-Foto des alten Böll in Mutlangen; sie beginnt mit einem Zitat des Dichters: "Daß Menschwerdung dann beginnt, wenn einer sich von der jeweiligen Truppe entfernt, diese Erfahrung gebe ich hiermit unumwunden als Ratschlag an spätere Geschlechter." Sie beweist, dass es auch für einen klugen Kopf wichtigere Akte der Zivilcourage geben kann als den Aufstand gegen eine dämliche Orthographie.

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