Kultur : Erkenne dich selbst

Franz Anton Cramer

Eigentlich ist die antike Sage um Orpheus, der seine verstorbene Frau Eurydike durch den Wohlklang seiner Stimme aus dem Reich der Toten zurückholen konnte, eine wundervolle Liebesgeschichte. Es kann daraus aber auch ein Schauermärchen werden. Denn Orpheus muss ja in die Unterwelt hinabsteigen und sich dort mit Zombies und Gespenstern herumschlagen. Diesen eher unheimlichen Aspekt hat sich die japanische Performance-Künstlerin Sachiyo Takahashi für "Orpheus in the Dark" ausgesucht. Mit ihrem belgischen Kunst-Kollektiv "Unidentified Flying Art Company" hat sie ein bisweilen beklemmendes Arrangement über den Abstieg in dunkle Zonen inszeniert, den das Podewil zu seinem Tanzfestival "Körperstimmen" eingeladen hat. In Takahashis Sicht gehen zwar Geschichte und Figuren weitgehend verloren. Aber dafür gelingt es ihr, die lockeren Formen zeitgeistgemäßer Clubkultur in eine Grusel-Lounge zu überführen.

Hinter einem Gazeschleier erwarten fünf Akteure das Publikum. Als alle sitzen, tastet sich die Tänzerin Michel Yang mit geschlossenen Augen zum Bühnenrand vor, steigt in den Saal hinab und stolpert durch die Sitzreihen. Ihre rotgekleidete Kollegin Barbara Mavro-Thalassitis strolcht hinterher und flüstert einzelnen Zuschauern etwas ins Ohr. Berichtet Orpheus über das Schicksal seiner toten Gefährtin? Oder ist die blinde Frau der suchende Sänger, geben die Zuschauer die Unterwelt und die Rotgekleidete die jung Verstorbene? Bei so viel Fragen geht erst einmal das Licht aus. Man hört nur noch elektronische Musik und wartet auf den Beginn der Party.

Da taucht auf dem Gazeschleier plötzlich ein riesiges Gesicht auf. Die Musik geht in eine live gesungene, punkige Rocknummer über (Musik: Rohal de Rider und Kris van Aert). Spätestens jetzt ist völlig unklar, wer hier für wen singt und warum. Aber Orpheus einmal beiseite gelassen - die gruftig-gedämpfte Atmosphäre fesselt auch so. Die heftigen, fast panischen Tanzeinlagen von Michel Yang, kantig begleitet vom Schlagzeug, verstärken die unbestimmte Wirkung einer Szenerie, in der alle die Rolle der Toten ebensogut darstellen könnten wie die des Lebenden. Wenn gesungen wird, dann nur Melancholisches, wenn keuchend getanzt wird, hat man den Eindruck, es stünden die letzten Atemzüge bevor. Und die Bildeinspielungen helfen auch nicht weiter: riesige Hände, welche nach der Tänzerin zu greifen scheinen, ein zerknautschtes Gesicht, angstvoll aufgerissene Augen, verlassene Stadtszenerien.

Zuletzt erkennt sich das Publikum selbst: Mit einer Nachtsicht-Kamera werden der dunkle Saal gefilmt und die Aufnahmen ins Bühnensystem eingespeist. Niemand, so raunt dies letzte Bild, niemand entkommt dem Jenseits. Vor allem nicht dann, wenn es ganz diesseitig gezeigt wird als Themenparty im Hades Club. Vielleicht ist das ja eine auf zynische Weise passende Veranstaltung im schließungsbedrohten Podewil.

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