Kultur : Erkenntnis im Quadrat

Ethnografischer Blick: zwei Ausstellungen der Fotografin Candida Höfer in Dresden

Bernhard Schulz

Gleich zwei Ausstellungen hat Candida Höfer derzeit in Dresden. Die Arbeit einer der bedeutendsten Fotokünstlerinnen der Gegenwart, schlägt eine Brücke zwischen gestern und heute: Indem sie Räume, zumal Museen, Archive und Depots, aufnimmt, hält sie die Spuren der Vergangenheit fest, aber mit dem Blick und den Gestaltungsmitteln der Gegenwart.

Mehr und mehr arbeitet Candida Höfer auf Einladung; so war es auch beim Kupferstichkabinett, das sich mit dieser Ausstellung aus dem Albertinum verabschiedet, um demnächst ins abschnittsweise wieder errichtete Schloss zu übersiedeln. Doch vom Ort der Einladung schwärmt die Fotografin aus, um weitere Örtlichkeiten ausfindig zu machen. So versammelt die Ausstellung im Albertinum Ansichten unter anderem aus der brandneuen Staats- und Universitätsbibliothek, der Deutschen Fotothek und der Porzellansammlung im Zwinger.

Nie sind Menschen zu sehen auf den großformatigen, in der Regel quadratischen Aufnahmen (es sei denn, als Schemen im Hintergrund), stets aber sind sie in den Spuren ihres Tuns präsent. Annegret Nippa, als Ethnologin mit solcher Spurensuche vertraut, brachte es auf den Punkt: „Wir bilden die lebendige Ordnung der Menschen ab und dadurch auch die Anwesenheit der Menschen selbst.“ Die Direktorin des Staatlichen Museums für Völkerkunde richtet die andere Höfer-Ausstellung in Dresden aus – bereits ihre zweite Zusammenarbeit mit der Künstlerin.

Dabei ergibt sich durch die beiden Ausstellungen diesseits und jenseits der Elbe durchaus keine Doppelung, sondern ein wechselseitig erhellender Kontrast. Im Völkerkundemuseum nämlich werden 50 meist kleinformatige Arbeiten Höfers thematisch gebündelt und mit wenigen, ausgesuchten Ethnografika konfrontiert. Dabei zeigt sich, dass der Tätigkeitsbereich des Sammelns, Katalogisierens und Archivierens keine dem Abendland eigene, sondern eine universelle Kulturleistung darstellt. Lediglich die spezifische Form des (natur-)wissenschaftlichen Sammelns entstammt dem Westen – und treibt doch, wie Candida Höfer beobachtet, ihre eigenen, skurrilen Blüten. Es will scheinen, dass die im Völkerkundemuseum versammelten Aufnahmen, die meist mit der Kleinbildkamera auf Reisen entstanden sind, einen feinen, ironischen Zug aufweisen.

So akkurat, so wissenschaftlich ist es nicht, was Candida Höfer in Ecken und Nebenräumen der Museen auftut. Da bricht sich anstelle der strengen Ordnung bisweilen die Dekorationslust von Aufsehern und Mitarbeitern Bahn. Da wird das Arrangement wichtiger als die Systematik – und schon ist die Nähe zu den ethnografischen Objekten vermeintlich vorwissenschaftlicher Kulturen hergestellt, während umgekehrt die Beigabe eines Frauengrabes aus Peru – in dieser Form nachweisbar seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. – geradezu eine Lehrsammlung zur Textilherstellung birgt, von der Rohbaumwolle bis zum gewebten Tuch.

Um derlei geht es der Ausstellung freilich nur als Beispiel, als Beleg für den ethnografischen Blick, dem sich – wenn man so will – auch Candida Höfers Fotografien verdanken. Sie schaut „anders“, nicht wertend, sondern mit gleich bleibender Neugier auf die Spuren menschlichen Tuns.

Bei aller Versenkung in die inhaltliche Fülle der Arbeiten darf ihre formale Qualität nicht übersehen werden. Candida Höfer arrangiert nichts, noch bearbeitet sie gar, wie so viele ihrer Kollegen, die Aufnahmen am Computer. Es ist ihr Blick, es sind die gleichmäßig neutrale Ausleuchtung und damit einhergehend die alle Details gleichermaßen erfassende Schärfe, welche die wahllos mit Objekten besetzten Räume zu einer strengen, beinahe asketisch gezügelten Schönheit führen. Die Zeit steht still – für eben jene Schönheit, die sich allein dem sorgfältigen Schauen enthüllt.

Dresden, Albertinum, bis 2. Februar, Katalog 13 €; Völkerkundemuseum im Japanischen Palais, bis 10. März, kein Katalog.

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