Kultur : Erklär mir die Welt in vier Minuten

Fönfrisuren und Zauberwürfel: Die Pop-Band a-ha hat den Achtzigern ihr Gesicht gegeben. Ein Rückblick

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Von Heiko Zwirner

Im Jahr 1987 wird Captain William „Buck" Rogers bei einer Havarie seines Raumschiffs in einen menschlichen Eiszapfen verwandelt. 500 Jahre lang treibt er in seiner Kapsel durchs Weltall, bis er schließlich von einer bösartigen außerirdischen Population aufgetaut wird, die ihn zum Werkzeug ihrer Invasionspläne machen will. Auf der Erde, die sich gerade von einer nuklearen Katastrophe erholt, sorgen Bucks altmodische Überzeugungen zunächst für Heiterkeit, schließlich aber retten sie die Welt.

Niemand würde behaupten, dass Morten Harket die letzten 500 Jahre durch den Weltraum irrte. Aber manchmal erweckt er den Anschein, als habe er zumindest die Neunzigerjahre in tiefgefrorenem Zustand verbracht. Mit seinen 43 Jahren hat er ein verdächtig jugendliches Aussehen bewahrt. Seine Stimme klingt noch genau so hell und klar wie damals, als er mit „Take on me" seinen ersten Welthit landete. Er trägt noch immer schmerzhaft enge Hosen. Und auch die kulturellen Errungenschaften der letzten Dekade scheinen an ihm und seiner Band a-ha vorübergegangen zu sein, ohne Spuren hinterlassen zu haben.

Morten Harket und seine Mitstreiter Magne Furuholmen und Paul Waaktaar-Savoy feierten ihre größten Erfolge in den Achtzigerjahren. Wenn heute von dieser Dekade die Rede ist, begnügt man sich meist mit der nostalgischen Aufzählung von gewagt modischen Accessoires und nebensächlichen Utensilien, die von heute aus betrachtet, nur noch kurios wirken. Zauberwürfel zum Beispiel. Selten wird erwähnt, dass die Kunstform des Popsongs als Vier-Minuten-Einheit in den Achtzigern ihren Zenith erreichte. Nach diesem Höhepunkt löste sich die Popmusik folgerichtig in den repetitiven Mustern von Techno und House auf. Sicher, auch in den Sechzigern wurden großartige Stücke geschrieben, aber nie zuvor stand der Song so endgültig und unantastbar da wie bei „Careless Whisper" von George Michael, „Save A Prayer" von Duran Duran oder „Dancing With Tears in My Eyes" von Ultravox. Oder eben wie bei einem halben Dutzend Songs von a-ha. Synthiepop-Opern wie „Manhattan Skyline" und „The Sun Always Shines on TV" waren mehr als ein Produkt ihrer Dekade, sie perfektionierten das Zusammenspiel von ergreifenden Melodien und dramatischen Effekten. Und über allem entschwebte die Stimme von Morton Harket zu immer neuen Höhen.

Dabei wollte Harket gar kein Popstar werden, sondern Priester. Er war mit klassischer Musik aufgewachsen und hatte bereits mit vier Jahren das Klaverspielen erlernt. Mit 16 fing er an, sich für Popmusik zu interessieren und gab später sein Theologie-Studium auf, um sich seiner Band zu widmen. Vielleicht glaubte er, von der Bühne aus mehr Trost verbreiten zu können, als wenn er auf einer Kanzel stünde. Für einen Gottesdiener sah er ohnehin viel zu gut aus.

Zwar galt Harket bei den Kritikern als läppische Kopie des vitalen Duran Duran-Frontmanns Simon LeBon. Doch die Schulmädchen ritzten seinen n in ihre ledernen Mäppchen ein. Den Jungs war es eigentlich zu peinlich, a-ha zu hören, aber sie beschwerten sich auch nicht, wenn ihr Pausenhofschwarm die Vorhänge zuzog, eine Duftkerze anzündete und „Hunting High and Low" auflegte. Harkets eigenartig leeres und glattes Gesicht schien ungefähr so viel mit der Realität zu tun zu haben wie das letzte Einhorn. Solche Entrückungen spiegelten sich auch in dem Videoclip zu „Take on Me" wieder: Ein junges Mädchen blättert gelangweilt in einem Comic. Morten Harket ist der Held dieses Comics. Er fängt plötzlich an, ein Eigenleben zu führen und gegen sein Gefängnis aus schwarzweißen Kästchen zu rebellieren. Die Sequenzen springen zwischen animierten Figuren und menschlichen Darstellern hin und her. Am Ende rettet das Mädchen Morten aus dessen Gefängnis, und Morten befreit das Mädchen.

A-ha waren die großen Teenie-Stars ihrer Zeit. „Als wir unsere Karriere starteten, waren wir unglaublich naiv", erinnerte sich Harket vor zwei Jahren in einem Interview. „Der Erfolg hat uns überrollt: Millionenverkäufe, überfüllte Terminkalender und der Verlust jeglicher Privatsphäre. Unsere Plattenfirma nutzte die Gunst der Stunde. Wir selbst wären darüber beinahe kaputt gegangen." A-ha fügten sich den Spielregeln der Branche. Doch im Gegensatz zu den Teenie-Idolen, die folgen sollten, komponierten a-ha ihre Songs selbst. Als ihre Fans erwachsen wurden, versuchte es das Trio mit authentischen Rock-Klängen, doch die hörten sich unechter an als die vollsynthetischen Hymnen ihrer Anfangstage. Schließlich konnte man ihre Platten für ein paar Groschen auf dem Flohmarkt kriegen. Meistens waren Adressaufkleber mit vierstelligen Postleitzahlen hinten drauf.

Nach glücklosen Soloprojekten und Ausflügen in die bildende Kunst entschieden sich a-ha vor zwei Jahren für einen Neuanfang. Es gelang ein fulminantes Comeback. Warum, das wusste keiner so genau. Vielleicht lag es daran, dass die Sehnsucht nach großen, endgültigen Songs mit ihnen zurück gekommen war. Denn längst sind die Norweger rehabilitiert. Selbst ein notorischer Melancholiker wie Chris Martin, der gerade mit dem zweiten Album seiner Band Coldplay die Spitze der deutschen Charts stürmte, setzt sich gegen Ende seiner Konzerte gerne alleine ans Klavier und spielt „Hunting High and Low". Der britische „Guardian" behauptete sogar, dass a-ha zu den am meisten unterschätzten Genies aller Zeiten gehören. Das Cover ihres Comeback-Albums „Minor Earth Major Sky" zeigt übrigens das Wrack eines Cockpits im Wüstensand. Es sieht aus wie eine Raumkapsel, die nach einer endlosen Space-Odysee vom Himmel gefallen ist.

a-ha, morgen um 20 Uhr in der Berlin Arena.

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