Kultur : Erklimm die Düne

REQUIEM I

Ulrich Amling

Der Tod ist groß. Über 350 Musiker und Sänger strömen im Berliner Dom zusammen, um Berlioz „Grande Messe des Morts“ am 200. Geburtstag des Komponisten aufzuführen. Der als hallig und zugig gefürchtete Ort erstrahlt an diesem Abend in zart-goldenem Licht. Choristen fließen in den Raum wie die Reben eines Weinbergs, die gewaltige Orchesterplatte liegt da wie ein funkelnder See. Nichts erinnert an die Finsternis dunklen Samts, die Berlioz zur Uraufführung seines Requiems im Pariser Invalidendom in breiten Bahnen beschwor. Die hitzig-genialische Kernschmelze zwischen Kunst und Religion – sie findet in Marek Janowski keinen Hohepriester. An der Spitze seiner zwei Orchester, dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und dem Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo (Prinz Albert hörte auf der Empore zu), zeichnet der Dirigent ein zartes Klangbild im Einklang mit dem gewaltigen Nachhall. Souverän überblickt er die Dünung der Schallwellen. So können selbst 16 Kesselpauken noch solistische Akzente setzen und 18 Kontrabässe ganz sacht beben. Die Schärfe von Berlioz‘ Orchestersatz dringt als feiner Stich in die Herzen der prächtigen Sängerschar (Rundfunkchor Berlin und MDR-Chor Leipzig). Der Tod ist groß – wir sind die Seinen lachenden Munds.

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