Kultur : Erlösung dem Erlöser

DEUTSCHE OPER Philipp Stölzl blickt wie ein Ethnologe auf die Gralsritter in Wagners „Parsifal“.

UWE FRIEDRICH

Nur ein knappes halbes Stündchen singt der Titelheld Parsifal in der nach ihm benannten letzten Oper Richard Wagners. Dass er also nicht die Hauptfigur des Bühnenweihfestspiels sein kann, liegt auf der Hand. Die Hauptlast der Geschichte vom reinen Toren, vom unwissenden Sinnsucher müssen daher die anderen Personen der Handlung schultern. Gurnemanz zum Beispiel, der alte Gralsritter, der immer wieder erzählt, was bisher geschah. Oder Kundry, die rätselhafte Frauenfigur, die schon den gekreuzigten Jesus verspottete, seitdem aber versucht, den Schaden wiedergutzumachen. Auch für den Regisseur Philipp Stölzl ist sie die interessanteste Figur in diesem Stück: „Diese wunderbar geschriebene intensive Frauenfigur führt uns emotional durch die Oper. Parsifal in seinem Leiden und Nichtverstehen taugt nicht wirklich zur Identifikation. Meinem Gefühl nach gibt es aber noch eine andere Hauptfigur, im Hintergrund: Jesus Christus. Die zentralen Gegenstände, Lanze und Gral, zeigen auf die Kreuzigung, Kundry hat den Heiland auf Golgatha verlacht und trägt den Fluch immer noch mit sich herum. Sowohl der amtierende Gralskönig Amfortas als auch Parsifal sind Spiegelungen von Jesus, irgendwie führt alles in diesem Stück zum Gottessohn und seinem rätselhaften Foltertod.“

Mittelalterliche Mystik und buddhistische Spiritualität verbindet Wagner zu einer sehr eigenen Mischung. Während die Kirchen bereits im späten 19. Jahrhundert an Anziehungskraft verloren, wollte er das Gesamtkunstwerk als Religionsersatz installieren. Wahrscheinlich hat Wagner tatsächlich daran geglaubt, dass seine Opern die Rolle der Religion übernehmen können. Und bei vielen seiner Anhänger, die alljährlich zu den Bayreuther Festspielen pilgern, ist das Konzept auch aufgegangen. Ein Phänomen, das auch Philipp Stölzl fasziniert: „Es ist eine Art verdrehtes Wagner-Privat-Christentum. Ich finde das ziemlich aberwitzig und toll, und es macht Spaß, sich darauf einzulassen. Die Erzählung selbst ist dabei so rätselhaft und unerklärlich wie vieles in der Bibel. Den ‚Parsifal’ muss man, glaube ich, nicht unbedingt verstehen, sehr wohl aber fühlen.“

Für Stölzl spielt das Werk in einem fantastisch-surrealen Mittelalter. In einer düsteren Burg haust ein geheimnisvoller Ritterorden, der den heiligen Gral verehrt. Beim Zauberer Klingsor werden die Ritter mit den Verlockungen der Sexualität konfrontiert, schließlich endet die Geschichte viele Jahre, vielleicht Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte später in der inzwischen verfallenen Gralsburg. Als merkwürdig statisch empfindet Stölzl die Geschichte: „Von den Irrfahrten des Parsifal handelt die Oper nicht wirklich, es gibt keine Reise, keine sich vorwärts bewegende Handlung im klassischen Sinne. Die Oper schwebt eher auf der Stelle, kreist um Themen, Mythen und Rätsel. Parsifal fungiert dabei mehr als Katalysator denn als handelnde Figur.“

Viel ist gerätselt worden über die Formel von der Erlösung für den Erlöser. Wer erlöst wen und wovon? Wie von einem Erlösungswahn getrieben, erlösen sich alle gegenseitig, meint Stölzl. Einen Vorbildcharakter der von unbestimmten Reinheits- und Ehrvorstellungen beherrschten Gralsritter kann er jedoch nicht erkennen. „Es gibt Dinge bei Wagner, die sind nur aus seiner Zeit heraus zu verstehen, speziell diese Deutschtümelei, die man da manchmal raushören kann, wenn man will. Man schaut heute fasziniert auf die Gralsritter wie Ethnologen auf einen fremden Stamm. Mit Parsifal zusammen schauen wir durchs Schlüsselloch diesem fremden meta-christlichen Ritual zu und werden von der Kraft der Vorgänge und Gesänge reingezogen, ohne dass wir sie verstehen und vor allem ohne, dass uns die Werte, die hier beschworen werden, zwangsläufig etwas bedeuten müssen.“

UWE FRIEDRICH

Premiere 21.10., 16 Uhr. Auch 25.10., 17 Uhr und 28.10., 16 Uhr

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