Kultur : Erlösung heißt Erinnerung

Ein brillanter Erklärer Neuer Musik ist Gerd Albrecht; dem trockenen, scheinbar genußfeindlichen Stoff haucht er mit plastischen Schilderungen und ausgesuchten Klangbeispielen Leben ein, macht ihn "griffig" und begreifbar.Das Gedenkkonzert zum 100.Geburtstag Viktor Ullmanns mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin im SFB-Sendesaal wird so zum eindringlichen Erlebnis der Qualität des von den Nazis ermordeten Komponisten - durch den Ausfall des "Deutschen Stücks mit Hamlet" von Wolfgang Rihm zum Gesprächskonzert à la "Wege zur Neuen Musik" umfunktioniert.Ullmanns im Ghetto Theresienstadt unter unvorstellbaren Bedingungen geschaffenen Werke liegen nur in skizzenhafter Instrumentation vor.Doch gerade die delikaten Farbmischungen der von Bernhard Wulff rekonstruierten ersten Symphonie bringen ihre kontrastreiche Gestik und eigenartig changierende Harmonik zur Geltung.Im düsteren "Nocturne" symbolisieren Horn und Celesta mit trübem Schimmer den Uhrenschlag - Ausdruck banger Erwartung eines zur Unzeit Lebenden.Der stets zu erwartende Transport nach Auschwitz bestimmte jede Sekunde des Lebens in Theresienstadt.Dem stehen in den anderen Sätzen sarkastische, sehnsüchtige, vitale Gebärden gegenüber, in glasklarer Präzision und reichen Nuancen.Überwältigend der Ideenreichtum und die Durcharbeitung der "Variationen, Phantasie und Doppelfuge" über ein Thema des Lehrers Arnold Schönberg op.5, noch in scharfkantig zwölftöniger Sprache gehalten.Wie Alban Berg im "Wozzeck" bedient sich auch Ullmann alter Formen zur Zähmung atonaler Freiheiten - einer schnurrigen Gavotte und eines zarten Menuetts, dessen Streicher-Weichheit das Horn brutal zerstört.Die an der Grenze der Spiel- und Hörbarkeit angesiedelte Doppelfuge erklang in vorbildlicher Klarheit, mitreißend engagiert.

"Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung" zitierte Albrecht eingangs Richard von Weizsäcker - erinnert sei an Ullmann nicht zur moralisierenden Beschwörung unserer "Schande", sondern zur verdienten Entdeckung großer Musik. IH

0 Kommentare

Neuester Kommentar