Kultur : Erlösung in Amerika

Wie die westliche Welt religiösen Wahn und Selbstmordideen gebiert – John Updikes Roman „Terrorist“

Marcia Pally

Ende des Monats erscheint John Updikes neuer Roman „Terrorist“ in Europa – kurz nachdem in England Attentäter verhaftet wurden, überwiegend britische Staatsbürger, die Flugzeuge über dem Atlantik in die Luft sprengen wollten. Auch die Bomben, die letzten Sommer in Londoner U-Bahnen und Bussen explodierten, wurden von britischen Staatsbürgern gezündet.

Updikes Roman steht diesen Anschlägen näher als den Ereignissen des 11. Septembers 2001, zeitlich wie inhaltlich: Er versucht, sich in die Gedankenwelt eines jungen Amerikaners mit ägyptischem Vater und irisch-amerikanischer Mutter hineinzuversetzen, der zum Selbstmordattentäter wird. Er stellt die Frage, wie das Leben eines solchen Menschen aussieht, weil es jenseits der vielen politischen und ökonomischen Motive des Terrorismus einen Ort im Herzen geben muss, in dem sich die Idee der Selbstzerstörung festsetzen kann.

Darin unterscheidet sich Updikes Buch von anderen Werken, die von den Ereignissen des 11. September inspiriert sind, wie Paul Greengrass’ Film „United 93“, Oliver Stones „World Trade Center“ oder Ian McEwans Roman „Saturday“ (Osama bin Laden hat, neben all seinen anderen Errungenschaften, auch ein neues künstlerisches Sub-Genre aus der Taufe gehoben). Die meisten dieser Werke konzentrieren sich auf die Bemühungen der westlichen Welt, die schreckliche Tatsache des Selbstmord-Terrorismus zu begreifen. Updike dagegen betrachtet die Gedankenwelt des Attentäters: Es ist der breit angelegte Versuch, die Welt aus einer Perspektive zu schildern, die sich radikal von der eigenen unterscheidet. Darin folgt Updike der frühen Moderne eines Charles-Louis de Montesquieu, dessen „Persische Briefe“ ungeachtet ihrer haltlosen Anthropologie die dringende Bitte formulierten, in Erwägung zu ziehen, wie „wir“ von „den anderen“ gesehen werden.

„Terrorist“ ist modern und westlich bis ins Mark. Das Buch beruht auf der Idee des Individuums (Autor und Leser) und dessen individueller Vorstellungskraft, die in der Lage ist, jenseits von Clan, Klasse, Dorf und Kirche die Erfahrung eines anderen nachzuvollziehen, jedenfalls bis zu einem bestimmten Grad. Man könnte die Funktion der Kunst in der Moderne dahingehend beschreiben, dass sie uns die Welt aus einem schrägen Blickwinkel zeigt.

Das ist Updikes Projekt. Man fragt sich: Wie würde ein Schriftsteller aus Japan, einem Land, in dem es eine Tradition der Selbsttötung gibt, einen Selbstmordattentäter porträtieren? Wie viele Romane arabischer Muslime – nicht westlicher, sondern arabischer Muslime – versuchen, die Gefühlswelt von US-Marinesoldaten im Irak nachzuvollziehen, die bereit sind, für ihr Land zu töten und getötet zu werden? Und wenn es solche Bücher gibt: Was verpasst der Westen, wenn sie nicht übersetzt werden?

„Terrorist“ porträtiert einen High-School-Schüler, der in einer heruntergekommenen Stadt in New Jersey lebt und, wie es die christlichen Evangelikalen ausdrücken würden, „Jesus zu seinem persönlichen Erlöser“ erwählt hat – nur dass der Erlöser in diesem Fall Allah ist. Seine Leidenschaft hat nur entfernt mit Geopolitik zu tun – etwa in dem Sinne, den Fareed Zakaria in seinem Buch „Das Ende der Freiheit“ skizziert hat: „Es wird oft gefragt, warum arabische Länder sich nicht für Säkularität entscheiden. Tatsächlich haben die meisten das im überwiegenden Teil des vergangenen Jahrhunderts getan. Heute assoziieren die Menschen das Scheitern ihrer Regierungen mit dem Scheitern von Säkularität, dem Scheitern des westlichen Wegs.“

Die Stadt des Jungen ist ein Chaos aus verrammelten Ladenlokalen, Jugendbanden, Drogen und Ziellosigkeit. Als intelligentes Kind assoziiert er all diesen Dreck mit dem Scheitern der US-Regierung und dem „westlichen Weg“. Aber genau dort endet sein Politikverständnis. Explizit politische Beweggründe hat dagegen der Mann, der Ahmed als Attentäter rekrutiert, ein ebenfalls in den USA geborener Muslim. In einer der cleversten Passagen des Buchs erklärt er, der amerikanische Unabhängigkeitskrieg sei der anti-imperialistische Kampf des 18. Jahrhunderts gewesen, wie ihn heute die Islamisten führen. George Washington sei die Guerilla gewesen, ein „Ho Chi Minh seiner Zeit. Wir waren wie die Hamas, wir waren Al-Qaida“.

Dieser Mann allerdings ist kein Selbstmordattentäter, sondern ein Stratege. Es ist Ahmed, der High-School-Schüler, der die Voraussetzungen zum Selbstmörder mitbringt, aus Gründen, die Updike zufolge persönlicher Natur sind. Doch obwohl der Autor für diesen ehrenvollen Kraftakt der Imagination aufwendige Recherchen über muslimische Traditionen betrieben hat, gerät seine Ausführung unbeholfen programmatisch.

Da ist der Vater, der vor langer Zeit die Familie verlassen hat. Seine Abwesenheit erzeugt in Ahmed den Wunsch, nahe bei Gott zu sein, den er als männlichen Weggefährten sieht, „näher als die Vene in meinem Hals“. Er hofft, dass Gott ihn aufnehmen wird „wie einen Sohn“. Er weiß um die gescheiterten Affären seiner Mutter und hat Angst, dass ihr ungläubiger Lebenswandel „meinen Gott wegnehmen“ wird. Anders ausgedrückt: Seine Sorge gilt dem einen Vater, den er bedroht sieht von den anderen Männern seiner Mutter. Ahmed will rein sein, rein von dieser schmutzigen, sexualisierten Welt, rein genug, um sich Gott zu „unterwerfen“.

Updikes Protagonist klingt in solchen Passagen wie ein Patient auf der Couch, der allzu bereitwillig über seine Kastrationsangst spricht. Und mehr noch: Nachdem er das Verschwinden seines Vaters und die Vernachlässigung durch seine überforderte, alleinerziehende Mutter erlitten hat, glaubt Ahmed, er stehe als Selbstmörder „am schwankenden Rand einer strahlenden Zentralität“.

Und doch macht Updike inmitten dieser Übereindeutigkeiten eine wichtige Beobachtung: Terroristen können Interessen haben, die nicht das Gegenteil von unseren sind, sondern sich vollkommen außerhalb unserer Prioritäten bewegen. Nicht: Wir wollen liberale Demokratie – sie nicht, oder: Wir wollen das Öl – sie auch. Aber sonst wollen sie etwas völlig anderes. Wir im Westen konzentrieren uns auf die Todesopfer, die der Terrorismus mit sich bringt, und wir stellen uns vor, dass die Terroristen das auch tun. Aber dieser Aspekt spielt in Ahmeds Gedanken kaum eine Rolle. Die Frage ist für ihn nicht, ob er für Allah töten wird – sondern, ob er für ihn sterben wird. Für Allah, der, wie Ahmed verschwommen annimmt, seinen Tod wünscht.

Dass er dies hervorhebt, ist Updikes stärkstes Moment. Indem er der Identifikation mit dem anderen eine Grenze setzt, zeigt er auf, wo wir die anderen nicht mehr zuverlässig entschlüsseln können. Aber er lässt uns auch den Rest bedenken, die Gemeinsamkeiten, die Schnittstellen, an denen Verwandtschaft besteht zwischen dem, was „sie“ tun, und dem, was „wir“ tun. Christliche Märtyrer haben nicht getötet, aber in ihrer Bereitschaft zu sterben teilten sie etwas mit den muslimischen Märtyrern. Die Kreuzfahrer plünderten, töteten und starben für Gott – waren sie die Terroristen ihrer Zeit? Denken moderne westliche Armeen, die an ihre Sache glauben, über die nach, die sie mit Geschützen und Streubomben ermorden? Wenn die Abwehr des Kommunismus oder die Einführung von „Zivilisation“ und „Freiheit“ Motive für Gewalt sein können – warum nicht die Liebe zu Gott?

Und wie sehr unterscheiden sich die arabischen Amerikaner des Buchs von anderen Amerikanern? Ahmeds Gott ist persönlich, wie der der Evangelikalen. Ahmed hat ein Ziel, und er hat das Vertrauen, dass es das Gute repräsentiert. Ahmed neigt nicht zum fatalistischen Jammern über das System (oder über Brüssel). Er übt sich nicht in stoischer Zurückhaltung, sein Selbstmord soll auch keine Scham tilgen, wie es bei den Japanern der Fall ist. Ahmeds Antriebe sind amerikanisch. Dahin, sagt Updike, können amerikanische Voraussetzungen führen. Wenn ein intelligenter amerikanischer Schüler mit typischer Biografie – geschiedene Eltern, sportlich, gut in der Schule – in einen Selbstmordplan verwickelt werden kann, dann müssen manche der Voraussetzungen, die ihn dorthin geführt haben, amerikanisch sein oder mit seinem 18-jährigen Leben in Amerika zusammenhängen.

So kann ein Leben in Amerika enden, wie es Timothy McVeigh mit seinem Bombenattentat in Oklahoma demonstriert hat. Wir Anglo-Amerikaner – Erben von Locke, Hutcheson, Hume und der liberalen Aufklärung – müssen uns überlegen, was wir davon halten.

John Updike, „Terrorist“. 396 S., Rowohlt Verlag, 19, 90 Euro. Erscheint am 28. August. Marcia Pally lehrt Multicultural Studies an der New York University. Zuletzt erschien von ihr „Lob der Kritik. Warum die Demokratie nicht auf ihren Kern verzichten darf“ (Berlin Verlag). – Aus dem Amerikanischen von Jens Mühling.

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