Kultur : Ermatteter Amor, übersinnliche Sinnlichkeit

Furor mit Formbewusstsein: Zum 150. Geburtstag von Max Klinger präsentiert Leipzig die irrlichternde Kunst des Symbolisten

Michael Zajonz

In virtuosen Sequenzen rollt die Geschichte einer verbotenen Liaison ab: von der ersten Begegnung im Park (man meint, den süßlichen Duft der Kastanienblüten einzuatmen) über den ersten Kuss, die entscheidende Liebesnacht, Schwangerschaft und Schande bis zum Tod der Frau bei der Abtreibung – unterbrochen von fantastischen Zwischenszenen, die innere Monologe voller Pein und Hoffnung beschreiben. „Opus X: Eine Liebe“ ist die dem verehrten Künstlerkollegen Arnold Böcklin gewidmete Folge von zehn Radierungen aus dem Jahr 1887 überschrieben. Künstlerisch irrlichtern die Blätter, die in ihrer Brüchigkeit wie das Exposé zu einem David-LynchFilm wirken, irgendwo zwischen zeitgenössischer Illustriertenästhetik und vorweggenommenem Jugendstil. Mit Grafikfolgen wie dieser begründete der Maler, Zeichner und Bildhauer Max Klinger seinen Ruhm.

Ein Ruhm, der bald verblassen sollte. Noch 1914 gilt Klinger in den bewundernden Augen von Lovis Corinth als „der deutscheste Künstler unter den deutschen Künstlern“. 1920, als Klinger in Großjena bei Naumburg stirbt, kommentiert der Kritikerpapst Julius MeierGraefe, das Beste sei es wohl, ihn endgültig zu begraben. Auch Meier-Graefes Kollege Karl Scheffler, zwar konzilianter im Ton, kommt zu einem vernichtenden Urteil: „In der vieldenkenden Kunst Klingers, die ihn zum Helden aller philologisch schwärmenden, humanistisch griechelnden und pädagogisch denkenden Deutschen, zum Hauptvertreter derer von ‚Gehalt‘ macht, zuckt die Flamme einer brünstig flackernden Erotik, einer übersinnlichen Sinnlichkeit.“ Am Ende des bürgerlichen Zeitalters schien Klinger endgültig von gestern zu sein.

Kaum ein Künstler ist so hoch gestiegen und so tief gefallen wie Max Klinger. Und nur wenige haben dennoch nachfolgende Künstlergenerationen so stark beeinflusst wie er. „Eine Liebe. Max Klinger und die Folgen“ heißt die große Ausstellung, die das Museum der bildenden Künste Leipzig dem großen Sohn der Stadt zum 150. Geburtstag widmet. Neben Leipzig entdecken auch andere Museen Klinger neu: etwa die Kunstsammlungen Chemnitz (bis 28. Mai), die eine Ausstellung um sein einziges erhaltenes Wandbild arrangiert haben. Oder das Berliner Georg-Kolbe-Museum, das ab 10. Juni Klingers Menschenbild nachspüren wird. Doch Leipzig bleibt die wichtigste Adresse für die späte Wiedergutmachung: Kein anderes Museum besitzt eine so umfangreiche und qualitätsvolle Sammlung seiner Werke und zeigt sie auch.

„Max Klinger und die Folgen“ ist ein ziemlich doppeldeutiger Titel. Denn im Mittelpunkt der großzügig präsentierten Ausstellung stehen die frühen Grafikzyklen, mit denen der in Karlsruhe, Berlin, Brüssel und Paris ausgebildete Künstler bereits um 1880 seine Zeitgenossen erregte – und aufregte. Etwa mit „Opus VI: Ein Handschuh“. Was als harmloser Sturz einer jungen Frau auf der Rollschuhbahn in der Berliner Hasenheide beginnt, wächst sich auf den folgenden Blättern zu einem triebgesteuerten Tanz um einen von dieser rätselhaften Beauté verlorenen Handschuh aus. Der Held – mit den Zügen Klingers – nimmt das erotische Kleidungsstück mit nach Haus und wird fortan in virtuos in Szene gesetzten Träumen von Monstren, Ertrinkenden und anderem Ungemach heimgesucht. Auf dem letzten Blatt sitzt ein ermatteter Amor neben dem erschlafften Fetisch. Der Kunsthistoriker Werner Hofmann bringt es im vorzüglichen Katalog auf den Punkt: „Freud ante portas“.

Mit den „Folgen“ umschreibt der Kurator der Ausstellung Richard Hüttel allerdings auch den immensen Einfluss, den Klinger mit seinen großen, programmatischen Gemälde und Skulpturen auf die Kunst der beginnenden Moderne ausgeübt hat. Um 1890 entwickelt sich der auch kulturpolitisch aktive Künstler (Klinger gehört zu den Gründern des Künstlerhauses Villa Romana in Florenz) zu einer Art Gustav Mahler der Malerei: volltönend, romantisch delirierend und mit dem Hautgout von Nietzsches Übermenschentum beschwert. Monumentale Freikörper-Schinken wie „Die blaue Stunde“ oder „Christus im Olymp“ haben auf nachfolgende Künstler, vom völkisch irregeleiteten Lebensreformer Fidus über den jungen Georg Kolbe bis zu Savador Dali, mindestens ebenso anziehend gewirkt wie seine respektlose „Griffelkunst“ der Frühzeit.

Von Klinger führt, das macht die Leipziger Ausstellung materialreich klar, ein anderer, lange verdrängter Weg in die Moderne. Wer will, kann ihn bis zur „Neuen Leipziger Schule“ eines Neo Rauch verlängern. Weniger folgenreich dagegen waren Klingers Skulpturen, die, aus verschiedenfarbigen Marmorarten zusammengefügt, mit farbigen Glasaugen irritiert aus dem Jenseits schauen. Sein gewaltiges Beethovendenkmal für Leipzig, seit der Eröffnung des Leipziger Museumsneubaus 2004 dort als Hauptwerk der ständigen Sammlung präsentiert, haben schon Zeitgenossen als überambitioniert verspottet. Bis heute packt einen an Klingers Titanenwerk die alle erdenklichen Bilderfindungen und Stilmodi aufsaugende Montagetechnik seiner Zeichnungen und Druckgrafiken. Ihrer hat sich noch Max Ernst in einem späten Interview dankbar erinnert. Zum Großvater der Surrealisten mag man Klinger dennoch nur halbherzig erklären. Denn die suchten den Furor, nicht die Form. Klinger sei, so Giorgio de Chirico, ein weiterer glühender Verehrer, „modern nicht im Sinne dessen, was man heute mit diesem Wort bezeichnet, sondern im Sinne des bewussten Menschen, (...) der eine klare Sicht auf die Vergangenheit, die Gegenwart und sich selbst hat.“ Was immer er ansah und wie klar auch immer: Es war eine Obsession.

Leipzig, Museum der bildenden Künste, bis zum 24. Juni. Katalog (Kerber Verlag) im Museum 28 Euro, im Buchhandel 65 Euro.

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