Kultur : Erna und Eugen!

Andreas Dresen zeigt „Kasimir und Karoline“ im Deutschen Theater Berlin

Peter von Becker

Am Ende, als Andreas Dresen von seiner Lieblingsschauspielerin Inka Friedrich zum Schlussapplaus auf die Bühne der Kammerspiele des Deutschen Theaters Berlin geholt wurde, da sah man seiner Freude auch die Erleichterung an. So, als hätte es trotz der schauspielbegleitenden zweistündigen leibhaftigen und musikalischen Präsenz der Berliner Kultband 17 Hippies noch irgendeinen Zweifel geben können an diesem leicht vorauszusagenden Publikumserfolg.

Natürlich liebt man die, hier genau genommen: 12 Hippies. Muss einfach mögen, wie sie zu Ödön von Horváths auf dem Münchner Oktoberfest spielenden Melodrama „Kasimir und Karoline“ alle notorischen Blas- und Schrammel- und Schluchzgeigenmusiken aufpeppen, sie zigeunerjazzig veröstlichen oder ironisch-sentimentalisch versüdlichen. Während das Bayrische aus ihren kontrapunktierenden Kehlen ganz norddeutsch Berlinisch klingt. Wie auch der Ton der Schauspieler. Darin freilich liegt ein Haken bei dieser doch mehr musikalisch als theatralisch gelungenen Aufführung.

Horváth schreibt ja selber Sprachmusik. Und wie beim großen Valentin oder der Fleißer und später dem Kroetz enthält die scheinbar mundweiche bayrisch-österreichischen Melange alle Härte, alle Hellsicht, alles Soziale und alles Seelische. Am Ende der Weimarer Republik, im Schatten von Wirtschaftskrise und aufdämmerndem Faschismus ist es immer wieder der eingebildete Bildungsjargon, in dem sich Horváths Menschen noch einmal berauschen, betäuben und so hochstapelnd lustvoll wie niederschmetternd lustig über ihre Verhältnisse hinwegzureden versuchen: die Bürger und die Proleten, die abblätternden Mannsbilder und jene armen wunderbaren Horváthmädchen, die den Kitsch von Heiligen und Huren mit Blechlöffeln fressen – und dann als Poesie, Komik, Leidensweisheit wieder ausspucken.

In „Kasimir und Karoline“, von 1931/32, weiß das liebesbedürftige Bürofräulein Karoline am Ende einer langen, sauf- und schmerzreichen Oktoberfestnacht: „Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich – aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln und das Leben geht weiter, als wär man nie dabeigewesen.“ Ihre Konkurrentin und Liebesleidensgenossin Erna sagt es später noch kürzer: „Solange wir uns nicht aufhängen, werden wir nicht verhungern.“

Wenn diese fast schon letzten Sätze fallen und alle Trinker und Träumer am Boden angekommen sind, klingt das alles stark und still. Und man ahnt, was schon vorher hätte sein können. Denn zuvor wurde fast nur geschrien. Oft auch ziemlich falsch – was Sinn, Betonungen, Nuancen angeht.

Man versteht sofort, dass Andreas Dresen hier nicht kein bayrisches Oktoberfestkolorit nachpinseln mag. Doch warum muss beim Versuch, alle Räusche mal richtig auszunüchtern, ein jeder Unter- und Zwischenton überbrüllt werden? Sven Lehmann als gerade entlassener Noch-Bräutigam der Karoline kann ja ganz nachtschattenhaft und dennoch geistesklar melancholisch dreinschaun. Aber öffnet er den Mund, entfährt ihm der nahezu immergleiche belfernde Kasernenhofton. Auch dem in der Haft tuberkulös gewordenen Ganovenmann der Erna, dem Merkl Franz, merkt man bei Mark Waschkes hölzerner Haltung und betonharter Dauerlautstärke die gemütige Mischung aus Brutalität und Gebrochenheit kaum an (nur der „Herr Merkl“ sorgt mal für einen Lacher). Angesteckt von dieser herben Harschheit wirkt selbst Inka Friedrichs Karoline, die neben wenigen komisch-rührenden Augenblicksgesten immerhin einen Hauch von Lebenslust, von Spätsommer unterm Riesenrad in diese protestantisch-preußisch Ernüchterungs-Wiesn bringt.

Man ist verblüfft: Andreas Dresen kann in seinen Filmkomödien, ob „Halbe Treppe“ (mit den 17 Hippies) oder dem tollen „Sommer vorm Balkon“, auch trockenste Komik immer ganz sinnlich, lebensklug und lebensprall inszenieren. Aber hier im Deutschen Theater dauert es lange, bis die steifen Arrangements auf weitgehend leerer Bühne überhaupt in Schwung kommen. Bis die ohne Text nicht einfach nur erstarren und die anderen, die gerade dran sind, die menschenfreundlich bösen Horváth-Sätze nicht wie hochdeutsche Sentenzen aufsagen.

Es dauert. Bis irgendwann die große Wippe und Stammtisch-Schaukel, das beherrschende Element der sonst kargen Szenerie (von Matthias Fischer-Dieskau), sich zu drehen beginnt: als Symbol jener Achterbahn, die das Leben meint. Die Karoline fliegt da empor mit ihrem verdrucksten Neuen, dem Schürzinger Eugen, der ein Zuschneider ist. Aber ohne rechten Schneid. Und den spielt Thorsten Menke („Halbe Treppe“) mit solch weicher Härte wie Katharina Schmalenberg ihre Erna mit klirrender, spitzester Sanftheit. Die beiden sind so die leisen, doch keineswegs leisetretenden Treffer. Erna und Eugen – in „Kasimir und Karoline“.

Wieder am 30. 5. sowie 6., 7. und 11. 6.

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