Ernest Wichner über Oskar Pastior : Sonette im Brühwürfel

Oskar Pastior erhält den Georg-Büchner-Preis

Ernest Wichner

Wenn Oskar Pastior jetzt den Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zugesprochen bekommen hat, wird ein Dichter ausgezeichnet, der radikaler und vielfältiger verändernd in Sprache und Dichtung eingegriffen hat als die ihm verwandten Poeten, die man auch erst im hohen Alter dieser Auszeichnung für würdig befand: Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, H.C. Artmann. Am 21. Oktober wird die mit 40 000 Euro dotierte Auszeichung in Darmstadt an Pastior verliehen.

Unabhängig von Schulen und Moden des Dichtens, als eigene Erfindung mit praktischem Zweck, hat der verspätete Gymnasiast Oskar Pastior Anfang der Fünfzigerjahre sich das Periodische System der chemischen Elemente in einer Weise notiert, dass sich daraus ein rezitierbares Lautgedicht und die Entdeckung der Avantgarde aus dem Geiste des do-it-yourself ergaben. Dies geschah noch in Hermannstadt (rumänisch Sibiu), in Siebenbürgen, wo Oskar Pastior 1927 geboren wurde. Im Januar 1945 hatte man ihn in die sowjetische Ukraine deportiert und erst nach fünf Jahren Zwangsarbeit wieder entlassen.

Zwei in Rumänien erschienene Gedichtbände, „Offne Worte“ (1964) und „Gedichte“ (1966), wiesen Oskar Pastior als den bedeutendsten Dichter seiner Generation aus. Mithin war es nur folgerichtig, dass er auch als Erster nach einer Westreise nicht mehr nach Bukarest (wo er als Rundfunkredakteur einer deutschsprachigen Sendung gearbeitet hatte) zurückkehrte, sondern sich 1969 in West-Berlin niederließ. Der in Rumänien druckfertig zurückgelassene Gedichtband „namenaufgeben“ verschwand umgehend aus dem Verlagsplan.

Nun begann Oskar Pastiors Karriere als unnachahmlicher Vortragskünstler und Poet, der von Berlin aus bald auch international gehört, geschätzt und bewundert wurde. Den übersetzerischen Übergriff auf Petrarcas Sonette, die in seinen Prosagedichtversionen zu kleinen Studien für eine moderne Bildsprache der Liebe geworden waren, stellte er im gleichen Jahr einen Band „sonetburger“ an die Seite, Sonette in Brühwürfelkonzentration; was sich an dem einen Ort aufgelöst hatte, musste an anderer Stelle in höchster Konzentrationsstufe wieder hergestellt werden. Oskar Pastior ist nämlich kein Sprach- und Formenzertrümmerer. Wenn sich ihm tradierte Formen unter der Hand auflösen, so deshalb, weil er sie durchlässig und aufnahmefähig machen möchte für das, was sie im Beharren auf ihrer Entität ausgrenzen, was sie – und damit wir – nicht fassen können.

Und wenn er, einem Konzeptkünstler gleich, ganze Bücher mit Texten strengsten Formzwanges füllt, wenn er Anagramme publiziert, Gedichte in Palindromen schreibt, dann hat er sich einem Regelwerk ausgesetzt, dessen klare Ja-nein- oder Schwarz-weiß-Kontraste mit möglichst viel Nebel, Grau und geschickt die Regeln unterlaufenden subjektiven Quertreibereien zur sich selbst erschöpfenden Vollendung gebracht werden wollen. Natürlich liebt Oskar Pastior das Paradox, ist es doch in seiner Strenge ebenso wie in seiner funkelnden Verletzlichkeit ein Movens des poetischen Gedankens. Was ihn aber quer durch alle Dichtungs- und Übersetzungsprojekte (Gertrude Stein, Charles Baudelaire, Velimir Chlebnikov, Gellu Naum) antreibt, notiert er als Schlusssatz eines autobiografischen Textes aus dem Jahre 1975.

Es ist ein Zitat aus Hölderlins Homburger Folioheft und markiert Oskar Pastiors poetisches Ethos auf die knappest mögliche Weise: „Unterschiedenes ist gut“. Seit nunmehr zwanzig Jahren schon ist die Zuerkennung des Georg-Büchner-Preises an Oskar Pastior nichts weiter als an der Zeit.

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