Ernesto Cardenal wird 90 : Dichten für die Revolution

Er schrieb das "Evangelium der Bauern von Solentiname" - und bis heute ist Ernesto Cardenal ein leidenschaftlicher Ankläger geblieben. Nicaraguas Lyriker und Priester zum 90. Geburtstag.

Roman Rhode
Dichter, Priester, Revolutionär: Ernesto Cardenal.
Dichter, Priester, Revolutionär: Ernesto Cardenal.Foto: SASHENKA GUTIERREZ/dpa

Sich selbst beschreibt er mit knappen Worten: „Ich bin Dichter, Revolutionär und Priester.“ Ernesto Cardenal, der aus einer der reichsten Familien Nicaraguas stammt, begab sich im Alter von 32 Jahren in ein US-amerikanisches Trappistenkloster. Nach einem Theologiestudium in Mexiko und Kolumbien kehrte er in seine Heimat zurück und erhielt 1965 die Priesterweihe. Seine Religiosität hat Cardenal stets mit Gesellschaftskritik verbunden. Davon kündet auch sein bekanntestes Werk „Evangelium der Bauern von Solentiname“. Auf dem Archipel im Nicaraguasee leitete Cardenal ab 1966 eine christliche, kontemplative Basisgemeinde im Geist der lateinamerikanischen Befreiungstheologie.

Ernesto Cardenal klagte die Diktatur an

Elf Jahre später mündete das Projekt in einen Aufstand gegen die Nationalgarde des Diktators Somoza. Daraufhin musste Cardenal das Land verlassen, wurde Sprecher der Sandinistischen Befreiungsfront (FSLN) und klagte im Ausland die Gräueltaten der Diktatur an. Deren endgültige Niederwerfung 1979 bezeichnet er in seiner Autobiografie als einen „Sieg der Liebe“ und als „einzige Revolution der Welt, die auf Priester in der Regierung zählte“. Als Kulturminister in der sandinistischen Regierung initiierte Cardenal zahlreiche Alphabetisierung- und Volksbildungskampagnen.

Cardenals Lyrik ist stark von Ezra Pound beeinflusst. Er bedient sich in seinen Gedichten einer klaren, bildhaften Sprache, die auf Versmaß, Symbole und rhetorischen Schmuck verzichtet, dafür aber vom Alltagsgeschehen durchdrungen ist. Seine Poetik versteht Cardenal als Gegenentwurf zum autonomen Kunstwerk, indem er das Wort in den Dienst sozialen Engagements stellt. Das machte ihn zu einem der einflussreichsten und meistgelesenen Lyriker Lateinamerikas.

Er war eine Ikone der bundesrepublikanischen Linken, als man sich hierzulande besonders für Lateinamerika – Nicaragua und El Salvador – engagierte. Als Cardenal 1980 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennahm, blieb Bundespräsident Carstens der Feier aus Protest fern. Und Papst Johannes Paul II., der 1985 Nicaragua besuchte, verbot ihm die Ausübung des Priesteramts. Dem Dichter gelang in seiner Amtszeit als Kulturminister ein großer Wurf: In seinem Monumentalzyklus „Cántico Cósmico“ führt er in der Tradition von Pablo Nerudas „Canto General“ und Pounds „Cantos“ Religion, Natur und Geschichte zusammen.

"Daniel Ortega hat die Revolution verraten."

Nach der Wahlniederlage der FSLN 1990 ging Cardenal mit der Revolutionsregierung – der er bis 1987 angehört hatte – hart ins Gericht und prangerte „exzessive Bürokratisierung, die Präpotenz gewisser Leute, Willkür, Dogmatismen und autoritäre Verhaltensweisen“ an. Derzeit kritisiert er die eigenmächtige Herrschaft des ehemaligen Revolutionsführers und jetzigen Staatspräsidenten Daniel Ortega: „Ortega hat die Revolution verraten, die Kirche das Evangelium. Wir sind heute überall auf der Welt dazu aufgefordert, noch mehr Widerstand zu leisten.“

Cardenal, der heute seinen 90. Geburtstag feiert, ist ein leidenschaftlicher Ankläger geblieben. Noch immer trägt er die Baskenmütze und das schlichte nicaraguanische Bauernhemd aus seiner Zeit in Solentiname. Diese idyllische Inselwelt, in der er einst das Evangelium verkündete, droht nun zu versinken. Der Bau des interozeanischen Kanals, so schrieb der Dichter kürzlich in einer spanischen Zeitung, werde das einzigartige Ökosystem des Nicaraguasees zerstören. „Das wäre das größte Verbrechen in der Geschichte unseres Landes.“

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