Kultur : Erniedrigte und Beleidigte

Der Streit um das Deutsche Theater Berlin

Rüdiger Schaper

Die Debatte um die Zukunft des Deutschen Theaters Berlin läuft tragisch schief. Bezweifelt man die Qualifikation des Schriftstellers Christoph Hein für den ungewöhnlich schwierigen Posten des Intendanten, läuft sofort der Konter: Hier werde ein Ostdeutscher mit westlicher Arroganz niedergemacht. Es wäre schäbig, wenn es so wäre. Aber die Theaterwelt ist sehr viel komplizierter.

Wenn Christoph Hein und Berlins Kultursenator Thomas Flierl anno 2004 ein Ost-West-Fass aufmachen und Kulturkampf spielen, dann verstehen sie vom Theater der vergangenen zwei bis drei Jahrzehnte wenig. Mitte der Siebzigerjahre, speziell nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns, setzte eine Entwicklung ein, die das deutschsprachige Theater bis heute entscheidend prägt. Damals kamen die DDR-Regisseure in den Westen. Die beiden Langhoffs, Manfred Karge, Adolf Dresen, Jürgen Gosch, der Grenzgänger Heiner Müller, Einar Schleef. Später folgten Alexander Lang und, Ende der Achtziger, Frank Castorf. Ohne diesen immensen Kreativitätsschub aus dem Osten wäre das deutschsprachige Theater nicht das, was es ist.

Es geht im Fall des Deutschen Theaters um etwas anderes. Wir haben es, unterhalb der allgemeinen gesellschaftlichen Ost-West-Verwerfung, mit einem Ost-Ost-Konflikt zu tun. Es geht um die Frage der Theaterästhetik. Die lange Zeit vorherrschende Methode der Dekonstruktion von (klassischen) Texten wurde von Visionären wie Heiner Müller, Einar Schleef, Frank Castorf entwickelt – und zu einem internationalen Standard. Ein Christoph Hein, der eher für die bürgerliche Bühne steht, hatte mit diesen Aufbrüchen und Neuerungen nichts zu schaffen. Das ging über ihn und manch anderen hinweg. Man muss feststellen: Die Truppe, die in Zukunft das Deutsche Theater leiten soll, gehört zu den Abgehängten der jüngeren Theatergeschichte. Und diese jüngere Theatergeschichte haben – eigentlich überflüssig, dass man das jetzt erwähnen muss – Ostdeutsche geschrieben, in Berlin und anderswo. Vor allem eben: Müller, Schleef, Castorf. Im europäischen Ausland sieht man diese Theatererfinder auch durchaus in der Tradition Brechts.

Hein und Flierl müssen aufpassen: Die Ost-West-Front-Behauptung beschädigt das Deutsche Theater. Im Übrigen kennt man die Richtungsdebatte, die Hein anzustoßen versucht, aus größerem Zusammenhang. Er will wieder ein „Schauspielertheater“. Ähnlich würden es Claus Peymann und Peter Stein auch formulieren. Wir erleben (das steckt hinter der Ost-Ost-Verletzung) hier noch einmal den Generationenkonflikt im Theater. Vor fünf Jahren, als das neue und sehr junge Team um Thomas Ostermeier an der Schaubühne begann, brach dieser unselige Streit auf. Viele Theaterbegeisterte, damals im Westen, sagten: Wir wollen unsere gute alte Schaubühne wiederhaben! Peter Stein mit dem „Faust“ hat es versucht, Andrea Breth in Wien setzt die Tradition fort. Wo es funktioniert, ist es gut. Wo nicht, ist es Vergangenheit. Theater kann man nicht konservieren.

Inzwischen sind einige Spielzeiten vergangen, und man erkennt: Ein Thomas Ostermeier („Nora“!), ein Stefan Kimmig, eine Barbara Frey (Münchens „Onkel Wanja“), alle um die Vierzig , wissen sehr wohl mit Schauspielern und Texten umzugehen. Gleiches gilt für den Holländer Johan Simons, der künftig an der Volksbühne arbeiten wird. Wenn Christoph Hein tatsächlich das zeitgenössische Theater überblickt, kann ihm das nicht entgangen sein: Die Szene ist pluralistisch wie nie zuvor. Der Begriff „Schauspielertheater“ taugt nichts. Was für eine Abgrenzung soll das sein?

Es herrscht große Unübersichtlichkeit auf den Bühnen, wie in der Welt. Die Sicherheiten, die Utopien, die sauberen Fronten sind dahin, überall. Das kann man beklagen; ändern kann man es kaum. Und nun soll Hein restaurieren – die verlorene Ehre derer, die sich in ihrem Deutschen Theater schon lange nicht mehr wohl fühlen. So fing das auch einmal am Schiller-Theater an.

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