Ernst Engelberg : Der Agile

Ein Historiker, der 100 Jahre alt wird, ist selbst bereits ein historisches Ereignis. Ernst Engelberg, der an diesem Sonntag dieses sagenhafte Alter erreicht, hat wahrhaftig Geschichte erlebt, erlitten und seinen Tribut an ihre Irrungen und Wirrungen entrichtet.

Hermann Rudolph

Als Sohn eines kleinen Zeitungsverlegers in Haslach im Schwarzwald geboren, bekam er ein gutes Quantum der radikalliberalen 1848er-Gesinnung des deutschen Südwestens mit; die Endphase der Weimarer Republik machte den Studenten zum Kommunisten. Das lieferte ihn nach 1933 der Verfolgung aus: Gestapo-Verhaftung, Zuchthaus und Emigration, zuerst in die Schweiz, dann in die Türkei. Doch es eröffnete ihm, der 1934 gerade noch bei dem renommierten Hermann Oncken promoviert hatte, nach 1948 eine steile Karriere in der DDR: Professor in Leipzig, Direktor an der Akademie der Wissenschaften in Berlin, selbst dem Nationalkomitee der Historiker der DDR saß er einige Jahre vor.

Für die westdeutsche Öffentlichkeit wurde Engelberg erst Mitte der achtziger Jahre zur Figur. Der erste Band einer monumentalen Bismarck-Biografie, den er damals vorlegte – in West und Ost, mit leichtem West-Vorsprung – machte Furore. Denn er verströmte nicht den trocken-bürokratischen Geist der ostdeutschen Geschichtswissenschaft. Engelberg vertiefte sich vielmehr mit spürbarer Zuneigung in Person und Epoche. Dabei war er alles andere als ein Abweichler, vielmehr – wie wir seit Martin Sabrows Studie über die DDR-Geschichtswissenschaft wissen – einer der eifrigsten Hüter ihrer Linientreue. Es war sein liebenswürdiges Erzählvermögen und seine echte, also unerschöpfliche historische Neugierde, denen sich sein Erfolg verdankte.

Der kleine, unprätentiöse Mann ist schon ein eigenartiger, eigensinniger Fall von deutscher Existenz. Mit seinem Bismarckbild, das die Bildungsbürger erwärmt – und das der 1990 erschiene zweite Band der Biografie bekräftigte –, und der Mitgliedschaft im „Rat der Alten“, dem Areopag der PDS unter Modrows Führung, dem er sich anschloss, nachdem die sozialistische DDR im vereinten Deutschland untergegangen war.

Begreift man Ernst Engelberg, wenn man sich des Hecker-Lieds erinnert, in dem es über Friedrich Hecker, seinen rebellischen badischen Landsmann, heißt: „Er hängt an keinem Baume,/ er hängt an keinem Strick/ Sondern an dem Traume/der deutschen Republik“? Oder an ein Bild von Nationalgeschichte, das hierzulande längst der kritischen Reflexion zum Opfer gefallen ist? „Was bedeutet Nationalgeschichte heute?“ lautet das Thema des Podiumsgeprächs bei dem Festcolloquium, mit dem das Institut für Zeitgeschichte den Hundertjährigen am 16. April ehrt. Hermann Rudolph

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