Kultur : Ernst Jünger: Politische Publizistik: Der Krieg im technischen Zeitalter

Tom Peuckert

Lange haben die Texte in den Archiven geschlummert. Mancher Freund des Autors hätte sie gern für immer dort vergraben gesehen. Aber nun ist Ernst Jüngers politische Publizistik doch neu auf den Markt gekommen. In einer dickleibigen Sammlung, mit sachlich-informativem Nachwort und ausgiebigem Kommentar zu den zeitgeschichtlichen Hintergründen. Es handelt sich um insgesamt 144 Texte, entstanden zwischen 1919 und 1933. Vorworte zu eigenen Büchern, Essays, kurze Artikel, Buchrezensionen. Veröffentlicht in Zeitschriften der nationalen Rechten, aber auch in bürgerlichen Tageszeitungen, die damals ein Ohr für junge Antidemokraten mit gutem Stil haben.

Jünger ist Mitte Zwanzig, als er den ersten Text dieser chronologischen Sammlung schreibt - das Vorwort zum Weltkriegs-Roman "In Stahlgewittern". Der letzte Text datiert vom September 1933. Dazwischen liegen, wie sollte es anders sein, entscheidende Jahre der Reife für einen Autor. Zu Anfang ist Jünger nur ein jugendlich pensionierter Weltkriegsoffizier, der sich als literarischer Experte für das Fronterlebnis empfiehlt. Anderthalb Jahrzehnte später ist er ein vielerfahrener Mann, der sich im Grunde bereits für einen Rückzug in die vita contemplativa entschieden hat. Eine intellektuelle und musische Existenz, der Feindschaften im politischen Raum immer wesensfremder werden. In den Jahren, in denen Jünger als politischer Publizist auftritt, entstehen zugleich die schöne und geistesklare Prosa des "Abenteuerlichen Herzens" und der fiebrig verträumte Essay über den "Arbeiter". Die geistigen und stilistischen Qualitäten, die sich dort auskristallisieren, finden wir als Spurenelemente auch in der politischen Publizistik. Sie bilden ihren besten Teil.

Jüngers besondere Qualitäten als Autor sind oft benannt worden: die enorme Trennschärfe der analytischen Beschreibungen, die Sinnlichkeit der Darstellung, das stilistische Repertoire, mit dem er beim Leser fast magische Wirkungen erzielen kann. Andererseits diese einzigartige geistige Melange, die sein Weltbild, seine Geschichtsbetrachtung und eben auch das politische Engagement prägt.

Die frühen Texte im Buch sind Kriegsanalysen, veröffentlicht im "Militär-Wochenblatt". Als Mitglied einer "Heeresvorschriftenkommission" der Reichswehr ist Jünger beauftragt, militärtheoretische Konsequenzen aus den Ereignissen des letzten Krieges zu ziehen. Er versucht, die neuen Strukturzwänge eines Krieges im technischen Zeitalter zu verstehen und zu beschreiben: "Hat uns schon im letzten Kriege die Leere des Schlachtfeldes unheimlich umfangen, so wird künftig der Mensch immer mehr vom Kampffeld verschwinden. Wie sollte sich auch Leben fristen können zwischen Maschinen, die in kurzer Zeit gewaltige Mengen von Metall und Sprengstoffen verspritzen." In all diesen Texten über Materialschlacht, Zukunft der Infanterie und moderne Gefechtsführung spürt man das epische, das literarische Element. Die Anwesenheit eines leidenschaftlichen Erzählers. Walter Benjamin hat die Schrecken des Ersten Weltkriegs mit dem Ende des Erzählens in Beziehung gebracht. Die Welt, so Benjamin, scheide sich nun rigoros in jene, die dabei waren, und die anderen, die daheim geblieben sind. Im Medium des Erzählens lässt sich der Riss der Erfahrungswelt nicht mehr kitten; das erlebte Grauen kann nicht länger in kommunizierbare Erfahrung verwandelt werden, es bleibt unsagbar.

Aber Jüngers literarische Anfänge wollen genau diesen Riss überwinden. Allerdings bedarf es schärfster reflexiver Durchdringung und zugleich genauester, reich instrumentierter Beschreibung, um noch wahre Geschichten aus den Schützengräben des Weltkriegs erzählen zu können. Die ethische Mission, die Jüngers politische Publizistik damals beherrscht, wird rasch deutlich: Es geht ihm um die Millionen deutscher Weltkriegsgefallener, die von der Weimarer Republik nicht als nationale Opfer anerkannt werden. Die Demokratie betrachtet den vergangenen Krieg als eine Art historischen Betriebsunfall, auch der neue Kapitalismus hat keine ideologische Verwendung mehr für den militärischen Heldentod von gestern, die pazifistische Linke nennt ihn schlichtweg sinnlos. So fallen die Toten in Deutschland einem nihilistischen Vergessen anheim, einer kollektiven Verdrängung. Der Nationalist Jünger aber führt den geistigen Kampf um einen politischen Sinn ihres körperlichen Todes.

Der erste genuin weltanschauliche Essay im Sammelband trägt den Titel "Revolution und Idee". Ausgerechnet der "Völkische Beobachter" hat Jüngers Einstand als Autor des Nationalismus im September 1923 veröffentlicht. Die Essays, die er in den folgenden Jahren schreibt, heißen "Der Wille", "Die Tradition", "Über den Pazifismus". Wir finden all die berühmt-berüchtigten Argumente der Antidemokraten: Die Republik von Weimar sei nichts als Materialismus und Korruption, Geldgier und Krämerseele regieren, Geschäft und Verweichlichung rangieren vor Treue, Ehre, Mannbarkeit. Die linke Revolution war Vaterlandsverrat, die Ordnung von Versailles mache einen dauerhaften Frieden unmöglich. Einst wird kommen der Tag, heißt es am Ende eines Aufsatzes, danach drohen dunkel drei Pünktchen. Aber der Jüngersche Nationalismus hat von Anfang an eine paradoxe Prägung. Etwas, das sich im Lauf der zwanziger Jahre immer stärker herauskristallisieren wird. Jüngers nationales Denken überschreitet jedes politische Maß, an das sich die vaterländischen Bünde und Vereine in Deutschland halten wollen und müssen. Der Autor ist Utopist, anarchischer Rigorist, ethischer Maximalist. Er ist zu sehr leidenschaftlicher Denker, als dass er im politischen Alltagsgeschäft den Fraktionen des Hasses wirklich brauchbare Munition liefern könnte. Weil ihn sein Bemühen um eine geistige Objektivierung des weltgeschichtlichen Prozesses zu Aussagen führt, die wie Faustschläge ins Gesicht jedes Demagogen wirken müssen. Weil er die politischen und völkischen Feinde, ohne die kein Nationalismus denkbar wäre, viel zu nachlässig markiert. Weil sich in seinen Texten niemals Hass auf eine fremde Nation findet. Es ist nicht wichtig, schreibt Jünger im Essay "Das Blut", für welches Ideal, für welche Nation ein Soldat sich opfert. Entscheidend ist, dass ein Mensch überhaupt im Bann glühender Leidenschaften zu stehen vermag. Dass er bereit ist, sein Leben für eine Idee hinzugeben. Im Tonfall religiöser Schwärmerei meditiert Jünger über die Schönheit idealistischer Hingabe und die Tugend höchster emotionaler Erregbarkeit. Sein Verständnis von "Blut" hat nichts zu tun mit nazistischer Rassebiologie, die aus dem Blut den Herrschaftsanspruch eines Volkes herleitet. Jünger geht es um einen Kult der schönen, der "blutvollen" Persönlichkeit, die er unter den Idealisten aller Zeiten und Völker entdeckt. "Wir wollen nichts hören von chemischen Reaktionen, von Bluteinspritzungen, von Schädelformen und arischen Profilen. Das alles muss ausarten in Unfug und Haarspaltereien." Jünger ist oft der Vorwurf einer ästhetischen Weltanschauung gemacht worden. Aber gerade in seiner politischen Publizistik, vorm Hintergrund kommender Hassexplosionen und gemeinster menschlicher Schandtaten, will das Anarchisch-Weltfremde, das Fiebrig-Utopische, das Ethisch-Maximalistische wie eine spezielle Form der Unschuld erscheinen. Die ästhetische Perspektivierung des historischen Raumes unterläuft die Kraftlinien und strategischen Interessen einer völkischen und rassistischen Politik, wie sie die Nationalsozialisten zur gleichen Zeit betreiben. Man kann mit Jünger keine Massen im Geiste des Ressentiments organisieren und keinen Vernichtungskrieg gegen fremde Völker propagieren.

Folgerichtig ist der Autor für die nationale Bewegung in Deutschland bald nicht mehr wirklich verwendungsfähig. Erscheinen seine Texte 1925 noch in der Wochenzeitung "Der Stahlhelm" in einer Auflage von 170 000 Exemplaren, so schreibt er in den Jahren danach in winzigen Zeitschriften, die er oft selbst herausgibt. Man will den prominenten Autor bei der nationalen Sache halten, aber die publizistischen Spielräume werden enger. Jünger verachtet die Realpolitik der Nazis, bald kommt es zum Zerwürfnis. Hitler bemüht sich um den Weltkriegshelden, doch der geht ihm aus dem Weg. Das Elitäre, der Rückzug ins geistige Gehäuse werden immer stärker spürbar. Die kollektive Welt wird Jünger fremder, je länger das Fronterlebnis zurückliegt. Als er die Nazis in einem Artikel ironisch attackiert, trauert Goebbels öffentlich um den verlorenen Mitkämpfer, den der "Literatenehrgeiz" in die Arme "jüdischer Landesverräter" getrieben habe. Jüngers politische Publizistik endet im Jahr 1933 - nicht, weil die Schlacht nun gewonnen ist. "Ich sehe mir die Geschichte mit einem Gefühl vorherrschender Langeweile an", schreibt er im Dezember 1933. Die "nationale Revolution" der Nazis widerspricht nicht nur seinen ästhetischen Wertvorstellungen. Von Jüngers Wendung zu abendländischer Kulturtradition und christlicher Moral werden später der Roman "Auf den Marmorklippen" und die Tagebuchsammlung "Strahlungen" Zeugnis ablegen. Gewiss gilt Jüngers eigenes Urteil: Im Zusammenhang des literarischen Werkes kommt der politischen Publizistik wenig Bedeutung zu. Man wird hier keinen ganz anderen Jünger entdecken. Die Texte lesen sich mit Gewinn, wo sie Anteil haben an den hellsichtigen Analysen des gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses, für die Jüngers literarisches Werk zu Recht berühmt geworden ist.

Als junger Mann hat Jünger versucht, Fanatismus und Moral zusammenzudenken. Später hat er sich von der Weltgeschichte über das Irreale dieser geistigen Konstruktion belehren lassen. Der eigene Bildungsroman hat ihn aus den Zonen des politischen Hasses herausgeführt.

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