Kultur : Ernst Ludwig Kirchner: Der weiche Strich

Moritz Schuller

Der expressionistische Maler Ernst Ludwig Kirchner ist zum Prototypen seiner Zeit geworden. Auch in "Zeichnen bis zur Raserei", einem Dokumentarfilm von Michael Trabitzsch über das Leben des Malers, rückt das Biographische weit hinter das Historische zurück. Der Film versucht stattdessen ein Gesamtbild der Gesellschaft zu liefern, eine Studie des sozial-historischen Milieus jener Jahre: Kirchners Damen im Kaffeehaus setzt Trabitzsch kostümierte Ebenbilder gegenüber, die Straßenszenen Kirchners kontrastiert er mit schwarz-weißen Aufnahmen der Berliner S-Bahn aus der Gegenwart. Mitmachen oder rebellieren lautet für Trabitzsch die Formel der Zeit. Doch nicht immer gelingt dieses biographische Dokudrama: Die Dresdner Zeit, in der eine elegante Dame im Park gegen Sequenzen von Kirchner-Bildern geschnitten ist, die die bohèmehafte Frivolität der Brücke-Freunde andeuten soll, verkommt so zu Gesellschaftskitsch.

"Zeichnen bis zur Raserei" folgt einer Tendenz, die sich auch in der vor wenigen Wochen in der Nationalgalerie zu Ende gegangenen Ausstellung manifestierte. Um den Neuankauf von Kirchners "Potsdamer Platz" herum hatte man dort versucht, den Untergang Preußens ästhetisch zu dokumentieren und Ernst Ludwig Kirchner als zeitgenössisches Phänomen in den Untergang einzugliedern. Trabitzsch nimmt diese Spur auf, er blendet Kirchners "Brandenburger Tor" (1915) ein, und seinen "Belle-Alliance-Platz" (1914) - beide waren in der Ausstellung zu sehen -, um Kirchner als Künstler der Metropole zu charakterisieren. Zwischen dem Maler und der Stadt, der er eigentlich Paris vorgezogen hatte, bestand in der Tat eine Hassliebe. Trabitzsch zitiert einen Brief: "Es ist schrecklich ordinär hier. Ich sehe, dass eine freie Kultur in diesen Verhältnisssen nicht geschaffen werden kann." Diesem Dickicht der Stadt hat sich Kirchner, anders als es der Film glauben machen will, jedoch nie wirklich genähert. Womöglich konnte man in Kirchners Atelier "die wilhelminische Zwangsjacke" ablegen, auch ganz wörtlich - wie es der nackte Hugo Biallowon auf einem Foto Kirchners auch im Film vormacht. Doch Erlösung von Krieg und Moderne gab es dadurch für ihn nicht.

Ganz ähnlich konzentriert sich derzeit auch das Brücke-Museum mit seinen Kirchner-Neuankäufen auf die Berliner Jahre des Malers. "Der Rückenakt mit Spiegel und Mann" oder die "Badenden Frauen", beide neu in der Sammlung, belegen in der Tat jene künstlerische Wandlung, die Michael Trabitzsch als Folge von Kirchners Umzug nach Berlin deutet: Die Weichheit des Strichs. Einige wichtige Ankäufe aus dem Schweizer Spätwerk füllen die übrigen Lücken der Sammlung: Insgesamt 208 Arbeiten des Malers konnte das Museum seit 1988 erwerben, darunter Hauptwerke ebenso wie seltene Drucke. Diese sind jetzt in einer geschlossenen Kirchner-Schau im Brücke-Museum zu sehen.

Dass Ernst Ludwig Kirchner sich besser zum Exemplum seiner Epoche eignet als etwa seine "Brücke"-Kollegen Heckel und Pechstein, liegt vielleicht auch der Manie, mit der Kirchner auf diese Zeit reagiert, einer Manie, der er sich durchaus bewusst war: Schließlich zitiert der Titel des Films den Maler selbst. Gedanken vertreibende Arbeit soll ihn vor dem Wahnsinn der Gegenwart, aber auch vor seinem eigenen Wahnsinn retten. Dass das nicht glückte, macht Trabitzschs Film deutlich: Dem zunehmendem Niedergang folgte am 15. Juni 1938 das Ende. Kirchner erschießt sich. Auch hier lässt sich die Biografie des Malers als Spiegel einer Epoche lesen, die diesen künstlerischen Protagonisten nur um wenige Jahre überlebt.

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