Ernst Ludwig Kirchner in Berlin : Zeichen und Wunden

Ernst Ludwig Kirchner auf dem Weg zum abstrakten Maler: die Ausstellung „Hieroglyphen“ im Hamburger Bahnhof.

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„Frauenkirch im Winter“ (Ausschnitt) von Ernst Ludwig Kirchner (1918/19).
„Frauenkirch im Winter“ (Ausschnitt) von Ernst Ludwig Kirchner (1918/19).Foto: Staatliche Museen / Jörg P. Anders

Als Erstes stößt der Besucher auf eine altmodische Apparatur, einen monströsen Projektor für 35-Millimeter-Filme. Dunkelheit umfängt ihn, und an der Wand erscheinen verhuschte Bilder aus dem Depot der Neuen Nationalgalerie, das wegen der Sanierung des Mies-van-der- RoheBaus inzwischen geleert worden ist. Wo bitte geht es hier zu Kirchner? Im Hamburger Bahnhof muss man Umwege auf sich nehmen, um zur Klassischen Moderne zu gelangen, denn eigentlich ist das Haus ja für das 21. Jahrhundert reserviert.

Kirchner & Co. residieren nur gastweise hier, in der Abteilung, die Neue Galerie heißt und während der Sanierung der Neuen Nationalgalerie als Ausweichquartier fungiert. Nach dem Auftakt mit einer Ausstellung zur Geschichte der Sammlung zwischen 1933 und 1945 wird nun dem bedeutendsten Expressionisten eine Einzelschau gewidmet. Mit 17 Gemälden des Gründungsmitglieds der „Brücke“ besitzt die Nationalgalerie einen der umfangreichsten Bestände. Damit kann sie nun prunken.

Zu Kirchner geht es also durch das Dunkel der Gegenwart: Der erste Saal zeigt eine Arbeit der in Berlin lebenden italienischen Filmkünstlerin Rosa Barba, die im Depot des Mies-Baus die magische Zeichenhaftigkeit eher zufällig zusammengerückter Bilder und Skulpturen stimmungsvoll einfängt. Das passt zu Kirchner: „Hieroglyphen“ nennt sich die Schau, ein Begriff, der auch in den Schriften des Künstlers immer wieder auftaucht. Gemeint ist die verdichtete, symbolhafte Setzung von Motiven – Mensch, Haus, Bau, Welle, Stein – durch wenige Bleistiftlinien oder Pinselstriche.

Heiter Urlaubsbilder, melancholische Porträts

Die Ausstellung selbst praktiziert das gleiche Prinzip. Im weiten Saal sind die wenigen Bilder punktuell platziert, wie Signets. Der Besucher reagiert fast reflexhaft auf die grandiose Reihung „Potsdamer Platz“, „Belle Alliance Platz“, „Rheinbrücke in Köln“, Top-Werke, hunderttausendfach reproduziert. Doch dann entfaltet die großzügige Hängung ihre Wirkung: Man schaut genauer hin und entdeckt Kirchner, den fast abstrakten Maler, dessen Reduktion passagenweise zu reiner Farbe und Form führt.

Was hätte aus ihm und dem Expressionismus werden können, wäre nicht der Bruch durch das „Dritte Reich“ eingetreten? Die nun ausgebreitete Kirchner-Suite der Nationalgalerie führt von heiteren Urlaubsbildern aus Fehmarn über hektisch gezackte Großstadtszenen und melancholische Porträts zu den flächigen Stillleben der Spätzeit, in denen die Suche nach einer neuen Form, einer Fortführung des Expressionismus mit anderen Mitteln, greifbar wird. Die Entwicklungskurve knickt bei allen Avantgardekünstlern, die Zäsur von 1933 schlägt sich auf Kunst und Leben nieder, bei Kirchner besonders tragisch. Psychisch labil durch die Erfahrungen im Ersten Weltkrieg, hatte er nach mehreren Sanatoriumsaufenthalten in Davos seinen Rückzugsort gefunden. Die Verfemung durch die Nationalsozialisten ertrug er jedoch nicht mehr; Kirchner nahm sich 1938 das Leben.

Ernst Ludwig Kirchner Ausstellung im Hamburger Bahnhof
"Hieroglyphen" zeigt die wichtigsten Arbeiten Kirchners. Zum Beispiel "Badende am Strand (Fehmarn)" von 1913.Weitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: bpk / Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jörg P. Anders
22.09.2016 11:07"Hieroglyphen" zeigt die wichtigsten Arbeiten Kirchners. Zum Beispiel "Badende am Strand (Fehmarn)" von 1913.

Die Ausstellung erzählt auch davon, welche Konsequenzen die NS-Verfolgung für die Museen hatte und wie sie ihre Sammlungen nach 1945 zu rekonstruieren suchten. Die Nationalgalerie traf es hart, über 500 Werke verlor sie im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“. Von Kirchner entging nur die „Rheinbrücke“ dem Zugriff der Nazis – weil sie das Bild im Depot übersahen. Dass sich heute wieder 17 Gemälde in der Obhut des Nationalgalerie befinden, zeugt vom Glück und dem Erwerbungsgeschick der Direktoren – auch wenn es sich um weitaus weniger Werke als vor 1933 handelt. Die Restitution des Kirchner-Werks „Berliner Straßenszene“ an die Erben der ursprünglichen jüdischen Eigentümer sorgte 2006 für erregte Debatten in der Stadt. Zuletzt gelangte das bedeutende Bildnis „Max Liebermann in seinem Atelier“ in die Sammlung.

Auch Dauerleihgaben können abgezogen werden

Zugleich verrät die Ausstellung, wie fragil oft die Bestände sind. Dauerleihgaben können sich nach Jahrzehnten im Hause als nicht ganz so dauerhaft erweisen. So sucht man das von Kirchner geschnitzte Türrelief mit Mann und Frau als Motiv vergebens unter den im Hamburger Bahnhof präsentierten Werken. Die Besitzer zogen es ab; nun hofft man auf eine Rückkehr in den Neubau am Kulturforum. Um das gezeigte Stillleben „Wiesenblumen und Katze“, seit 1966 in der Sammlung, muss man wiederum bangen, hier werden mit den Leihgebern Verhandlungen geführt.

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