Kultur : Ernste Spiele

Das Rundfunk Sinfonieorchester auf der Spur von Anna Achmatowa

Ulrich Amling

„Nein, nicht unter fremden Himmeln schleichen / noch suchen unter fremdem Flügel Schlaf. / Damals blieb ich unter meinesgleichen, / dort, wo mein Volk sein Unglück traf.“ Anna Achmatowa wird vom Stalinregime gequält, ihre Männer und ihr Sohn verschleppt, die Dichterin selbst verbringt lange Monate in den Zuchthäusern von Leningrad. Dort liest sie die Trauer von blauen Lippen, sammelt das allgegenwärtige Flüstern, um den Geschundenen in der Dichtung ihr Gesicht zurückzugeben. Jahrzehnte arbeitet Achmatowa an ihrem Gedichtzyklus „Requiem“, der tausendfache Schreie in klare Verse taucht. Die Komponistin Elena Firssowa, 1950 in Leningrad geboren, hat sie für Orchester, Chor und Sopran neu zusammengestellt – und das Rundfunk Sinfonieorchester Berlin besorgte unter Wassili Sinaiski im Konzerthaus die Uraufführung.

Firssowas „Requiem“ ist durchdrungen vom Respekt gegenüber ihrer literarischen Vorlage, die weit mehr ist als das: der Versuch, den Atem derer zu bewahren, die ausgelöscht wurden. Da verbieten sich kühne musikalische Konstruktionen fast von selbst. Die Stimme der Opfer gilt es zu hüten, und Firssowa gelingen betörend eingängige Vokalpartien, besonders für die schwerelos intonierende Claudia Barainsky. Die orchestralen Effekte sind einprägsam gesetzt, der Chor rauscht wie Herbstlaub (klangsatt: der Rundfunkchor Berlin). Doch letztlich weist nichts über Achmatowas Gedichte hinaus, drohen Ernst und Respekt in künstlerische Befangenheit umzuschlagen. So steht das „Requiem“ etwas verloren da, wie zu früh geboren, zwei Wochen vorm Beginn der Festwochen mit ihrem Russland-Brennpunkt.

Davon völlig unberührt tobt sich Prokofjews brillante „Sinfonia concertante“ für Cello und Orchester aus, ein überbordend bis abgründiger Schlussgesang des Komponisten mit aberwitzigen Anforderungen an den Solisten. Wolfgang Emanuel Schmidt begegnet ihnen eher sophisticated denn brachial. Und das RSB vermittelt einen animierenden Eindruck davon, wie aufregend ernste Spiele sein können.

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