Eröffnung des Berliner Klavierfestivals : Feuer und Herzflattern

Eherne Tremoli und feine Rubati: Yevgeny Sudbin eröffnet das Berliner Klavierfestival im Konzerthaus am Gendarmenmarkt.

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Der russische Pianist Yevgeny Sudbin.
Der russische Pianist Yevgeny Sudbin.Foto: Peter Rigau

Von der Introspektion zur Ekstase ist’s nur ein Wimpernschlag. Jedenfalls bei Yevgeny Sudbin, wenn er zur Eröffnung des Klavierfestivals im Kleinen Saal des Berliner Konzerthauses Skrjabins 1914 komponiertes Poème „Vers la flamme“ spielt. Ein Feuerball, kaum erglüht, zerstiebt in tausend Funken. Auch bei der kleinen Tschaikowsky-Reihe mit den Nocturnes F-Dur und cis-Moll, dem „Juni“ und dem populären „November“ aus den „Jahreszeiten“ meißelt der 37-jährige, in London lebende Russe die Akkorde dem Publikum förmlich in die Ohren. Jeder Takt eine Radikalerschütterung – um im nächsten Moment der Melancholie zu weichen.

Ob Furor in Metall, das Herzflattern eines Trillers, Eruptionen von orchestraler Opulenz oder die verdämmernden Schlüsse: Sudbin hat sich für die Präzision wie die Wucht seines Spiels international einen Namen gemacht, ist nicht zuletzt deshalb gern gesehener Gast beim nun zum 6. Mal anberaumten Klavierfestival. Auch wenn er Intensität manchmal mit Lautstärke verwechselt, das gibt’s nicht nur beim Theatertreffen.

Auf sympathische Weise scheu

Im Vorwort zum Programmheft der fünfteiligen Reihe – bis Ende Mai folgen Christian Zacharias, die Georgierin Elisso Virsaladze, der Schweizer Francesco Piemontesi und die Italienerin Beatrice Rana – freut sich Intendant Barnaby Weiler auf Spontaneität, Risikobereitschaft und Interaktion mit dem Publikum. Darauf, dass die eingeladenen Künstler es vorziehen, „nicht nur eine Art Live-Kopie ihrer CD“ abzuliefern. Nun ist das Spontane gerade nicht Sudbins Sache, erst recht nicht die Interaktion auf der Bühne, schon gar nicht im immer ein wenig wie eine pastellfarbene Bonbonschachtel erscheinenden klassizistischen Kleinen Saal. Im Gegenteil: Wie immer wirkt Sudbin auf sympathische Weise eher scheu, wie einer, der sich in der Öffentlichkeit unbehaglich fühlt. Er spielt los, kaum dass er sitzt, verschwindet hinter der Bühne, kaum dass der letzte Ton verklungen ist, und erlaubt es im zweiten Teil kaum, seinen Scarlatti nachwirken zu lassen, um schnell, aber hochkonzentriert Nikolai Medtners aberwitzig virtuose „Sonata tragica“ c-Moll zu Gehör zu bringen.

Fünf Scarlatti-Sonaten mit viel Pedal, mit Staccato-Jagden, ehernen Tremoli und feinen Rubati. Sudbin zeichnet Seelenbewegungen nach, transzendiert die Mechanik des Barockmeisters. Wer die beiden Scarlatti-Einspielungen des Russen kennt, ist dennoch ein wenig enttäuscht, vermisst die Anmut, Intimität, ja feine Erotik vor allem der Debüt-CD von 2005. Im Studio spielt Sudbin die berühmte g-mollSonate derart schlicht, fast schon demütig, dass sie einem unmittelbar ans Herz fasst. Im Saal fühlt man sich eher überredet, wenn auch denkbar höflich. Nicht jeder Künstler ist dann am besten, wenn das Publikum live vor ihm sitzt. Auch wenn Sudbin mit Skrjabins Nocturne aus op.9 nur für die linke Hand einmal mehr seine ungeheure Griffweite unter Beweis stellt. Und diese Triller: superb!

PS: 2018 fällt das Klavierfestival aus, einige der gewünschten Interpreten sind im gefragten Zeitraum schon ausgebucht. Dafür ist im Mai 2019 Yevgeny Sudbin wieder dabei, so viel steht fest.

Programm unter www.berliner-klavierfestival.de

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