Eröffnung des Festivals A L’Arme! : Freejazzhupe statt Schreddergitarre

Stampfen, Tüfteln und das Zerbersten als Glückzustand feiern. Die Eröffnung des experimentellen A L’Arme!-Festivals im Berghain.

Volker Lüke
Brachial-Saxofonist. Der Schwede Mats Gustafsson spielte als Teil des Quartetts Fire! & Oren Ambarchi.
Brachial-Saxofonist. Der Schwede Mats Gustafsson spielte als Teil des Quartetts Fire! & Oren Ambarchi.Foto: Peter Gannushki

Folk, Elektro, Neo-Klassik, Avantgarde-Pop, Drone Metal, Dark Ambient, Noise Jazz – bereits zum vierten Mal unternimmt das A-L’Arme!-Festival eine interdisziplinäre Gratwanderung, zunächst im Berghain und danach im Radialsystem. Die Veranstalter haben wieder ein mutiges Programm auf die Beine gestellt, das an vier Sommerabenden (27. bis 30. Juli) unter dem Motto „Inner Landscapes & Unknown Chambers“ zeitgenössische Spielarten improvisierter Musik präsentiert.

Am Freitag steht dabei unter anderem das sechsköpfige „The Great Hans Unstern Ensemble“ mit einem Instrumentarium aus Harfen, Tuba und Schrottplatz-Perkussion auf dem Programm, außerdem wird die Formation Seval mit dem schwedischen Stimmwunder Sofia Jernberg auftreten. Zum Abschluss am Sonnabend trifft der Saxofon-Berserker Peter Brötzmann auf die Pedal-Steel-Gitarristin Heather Leigh, neben anderen Acts wie der von Brian Eno gelobten Gruppe Fovea Hex.

Den Anfang machte am Mittwoch die kanadische Violinistin Sarah Neufeld, die mit ihrem Instrument integraler Bestandteil des spezifischen Klangs der Indie-Rocker von Arcade Fire ist. Ein frischer Sommerwind im blauen Sommerkleid. Aber auch eine Performerin am Rande der Popmusik, die bei ihrem Soloauftritt im Berghain mit der innigen Liebe zum kratzigen Geräusch auf scharfer Klinge balanciert. Wiederholen wird zum Verbeißen, zum Hineinwühlen in eine Melodie, gezupft oder gestrichen, zwischen gefühlsbetonten Etüden, ungezähmter Hillbilly-Fiddle-Musik und Minimal-Pop mit flirrenden Arpeggien. Manchmal stampft sie mit dem Fuß auf den Boden. Und wenn sie singt, dann so verhalten und rührig, dass sich im Publikum ein großes Lächeln ausbreitet.

Die Wucht einer umstürzenden Betonwand

Die Entspannung lässt nach, als der britische Soundtüftler Daniel O’Sullivan und der italienische E-Bassist Massimo Pupillo ihr Projekt Laniakea vorstellen, das von Hildegard von Bingen, Alice Coltrane und der Industrial-Band Godflesh inspiriert sein soll. Wichtigtuerisch verfallen die Musiker in abgrundtiefe Düsternis und depressive Stimmungen und tauchen mit O’Sullivans verquastem Selbstmitleidsgeknödel in mystisch verschwurbelte Tiefen ab. Heiliger Kosmos! Da können auch der von einem Super-Galaxienhaufen geborgte Name („Immenser Himmel“), ein dreiköpfiges Streicherensemble und der französische Gastsänger Francois Testory mit seiner Vokalakrobatik nicht mehr helfen.

Die Rettung erfolgt durch das schwedische Powertrio „Fire!“ mit dem Brachial-Saxofonisten Mats Gustafsson, Johan Berthling am E-Bass und Schlagzeuger Andreas Werliin. Durch den australischen „Gitarrenabstrahierer“ Oren Ambarchi zum Quartett erweitert, entfachen die Musiker ein Jazzrock-Getöse, das sich an tranceartigen Blues-Rhythmen orientiert und mit der Wucht einer umstürzenden Betonwand zuschlägt. Die suggestive Anziehungskraft geht von ostinaten Motiven aus, die als Sprungbrett für Freiflüge der Musiker dienen, von denen jeder wie eine One-Man-Power-Band klingt.

Allen voran Gustafsson, der die Improvisationen mit dem gewaltigen Röhren, Gurgeln und Knattern am Bariton-, Bass- und Tenorsaxofon wolkig verdichtet. Manchmal klingt das Ganze wie Motörhead mit Freejazzhupe statt Schreddergitarre, eine Gänsehautmusik, die mit grimmiger Entschlossenheit eine Energie freisetzt, die das Zerbersten als glücklichen Zustand feiert. Und was könnte erhebender sein, als danebenzustehen, wenn aus dem schwarzen Sumpf Leben entsteht und die ersten ungelenken Schritte im Reich der Zweibeiner macht. Nun, so hört sich das doch an, oder? Und so sind wir alle mal Mensch geworden.

Infos: www.alarmefestival.de

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