Eröffnung des Festivals Chor@Berlin : Von der Verästelung der Stimmen

Im Radialsystem startet das Festival Chor@Berlin.

Das Ensemble von Vocalconsort Berlin.
Das Ensemble von Vocalconsort Berlin.Foto: Doris Spiekermann-Klaas TSP

Zur Einweihung der Elbphilharmonie diente „Figure humaine“ von Francis Poulenc als Klangfolie für die tänzerische „Raumerkundung“ von Sasha Waltz, gesungen vom Vocalconsort Berlin. Waren in Hamburg noch Instrumentalsolisten dabei, tritt das Ensemble jetzt, bei der Eröffnung des Festivals Chor@Berlin am Donnerstag im Radialsystem, a cappella auf, unter der Leitung von Nicolas Fink. Lediglich die behutsame Lichtregie von Arnaud Pournarat taucht die Sänger und Sängerinnen getreu den surrealen Bedrohungsbildern des Textdichters Paul Éluard mal in tiefe Finsternis, mal lässt sie bei Anrufung der Freiheit das Licht hell und heller strahlen. Die doppelchörige Kantate entstand 1943 als ein Werk der Résistance – Éluards Gedichte wurden von Flugzeugen aus auf das besetzte Paris abgeworfen. Ihr Gefühlsspektrum zwischen Verzweiflung und Hoffnung geht unter die Haut, changiert in reizvollen Farbunterschieden zwischen den beiden Gruppen, von besonders leuchtenden Sopranen und kraftvollen Bässen getragen.

Notenlämpchen in der Dunkelheit

Auch zuvor kann der Chor seine hohe Qualität beweisen, seine lupenreine Intonation, seine reiche dynamische und emotionale Spannweite. Stimmungsvoll der Beginn, wenn in Camille Saint-Saëns’ „Calme des nuits“ in völliger Dunkelheit nur die kleinen Notenlämpchen aufscheinen – weich grundiert mit kleinen Lichtpunkten entspricht dem der Chorklang. In György Ligetis „Lux Aeterna“ von 1966 –, ein Schlüsselwerk der damaligen klangorientierten Abkehr von seriellen Dogmen – gleiten die Stimmen mit äußerster Sensibilität in weiten Glissandobögen auf und ab, verweben sich im Cluster zum schimmernden, in immer neue Farbnuancen übergehenden Klangteppich.

In den so aufbruchsfreudigen siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts leitete Clytus Gottwald die Stuttgarter Schola Cantorum, die sich ebenfalls um die Entwicklung neuer Singtechniken verdient machte. Von ihm erklingt das bemerkenswerte Arrangement des Wagnerschen Wesendonck-Liedes „Im Treibhaus“, das nun auch alle Verästelungen der Orchesterbegleitung in betextete Stimmen umsetzt – vielleicht in seiner „Tristan“-Harmonik das komplexeste Werk des Abends. Komplexität fügt sich bei Psteris Vasks aus einfachen Elementen zusammen: „Ziles Zina“ (1981) scheint zunächst auf einem lettischen Marktplatz zu spielen und begibt sich dann in rhythmischen Aufspaltungen, Akzenten, Aufschreien und Gelächter zunehmend in neutönerische Gefilde – hier können Solopartien individuell, ja theatralisch hervortreten.

Festival Chor@Berlin, bis Sonntag, 26.2., Radialsystem. Workshops Sa+So, Vocal Pop Late Night Sa 21 Uhr, Ich-kann- nicht-singen-Chor So 11 Uhr, komplettes Programm unter www.radialsystem.de

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