Eröffnung des Festivals "Foreign Affairs" : Passion mit Posaune

Die Berliner Festspiele eröffnen das Festival "Foreign Affairs" mit Alain Platel und William Kentridge. Es ist das letzte Mal, aber was 2017 kommt, ist noch nicht klar.

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Für Kunst machen wir alles. Szene aus „En avant, marche!“ in Platels Choreografie.
Für Kunst machen wir alles. Szene aus „En avant, marche!“ in Platels Choreografie.Foto: Phile Deprez

Von Weitem schon ist ein Kreischen hören. Keine verzückten Groupies, vielmehr ein etwas chaotischer Filmdreh. Die New Yorker Avantgardetruppe Nature Theater of Oklahoma ist zu einem Darling der europäischen Festivals avanciert. In Berlin dreht das Künstlerpaar Kelly Cooper und Pavol Liska mit Laiendarstellern an verschiedenen Orten einen Retro-Science-Fiction-Film mit dem Titel „Germany Year 2071“. Der Futurismus des New Yorker Künstlerpaars ist durchsetzt von blühendem Unsinn. Zur Eröffnung von „Foreign Affairs“ probten sie im Haus der Berliner Festspiele die Episode „Evacuation in Pyjamas“.

Und hier zeigte sich mal wieder, dass die Berliner ein furchtloser Menschenschlag sind. Für die Kunst tun sie – fast – alles. Mehr als hundert Enthusiasten hatten sich bereitwillig Schlafanzüge oder Nachthemden übergezogen und ein Kuscheltier geschnappt. Nun warteten sie auf die Anweisungen des Regisseurs Pavol Liska. Der skizziert kurz das Horrorszenario: Ein legendäres Sumpfmonster, das im Berliner Untergrund schlummert, erwacht plötzlich zum Leben. Der Angriff erwischt die Menschen mitten im Schlaf. Bei der Evakuierung kommt es zur Massenpanik. Man grübelt, ob dieses Szenario wohl eine nicht unbedingt subtile Anspielung darauf sein soll, dass die Berliner ihre Probleme gern verpennen. „Show me terror“, weist Liska dann seine aufgekratzten Laiendarsteller an. Und fordert sie auf, 100 Prozent zu geben und die Rampensau zu markieren.

Die Monster-Pyjama-Party ist eine Riesengaudi für alle Beteiligten. Dies soll die Zukunft des partizipativen Theaters sein? Die soll die „German Angst“ sein? Eine merkwürdige Einstimmung auf das Festival „Foreign Affairs“. Während der südafrikanische Multimedia-Künstler William Kentridge im Martin-Gropius-Bau das Ciné-Concert „Paper Music“ mit den Sängerinnen aufführt, ziehen Mitmachwillige aus, das Fürchten zu lernen. Und landen mitten in einer lustigen Schreckenssimulation.

Noch sagen die Festspiele nicht, wie es 2017 weitergeht

Die letzte „Foreign Affairs“-Ausgabe soll auch auch die schönste werden, verspricht Intendant Thomas Oberender. „Es hat uns schon immer interessiert, Außergewöhnliches zu machen, zu viel zu machen.“ Wohl wahr! Das Motto „Uncertainty“ hat man sich von Kentridge geborgt, diesmal die zentrale Figur. Ergänzend zu der Ausstellung „No it is“ im Gropius-Bau zeigt „Foreign Affais“ einige seiner wichtigsten Bühnenarbeiten, darunter die „Drawing Lessons“. In diesen autobiografischen Lectures demonstriert Kentridge nicht nur seine transdisziplinäre Arbeitsweise, er wird auch von Kolonialgeschichte und den politischen Umbrüchen zwischen Apartheid und Gegenwart erzählen.

Auf der Klaviatur der Unsicherheit spielt auch Oberender: Die Frage, was auf „Foreign Affairs“ folgt, hängt ja in der Luft. Ab 2017 wollen die Berliner Festspiele etwas Neues anbieten. Die Lieblingsidee von Oberender sind die „immersive arts“. Doch er ließ nichts verlauten über die zukünftige Ausrichtung des Festivals. Festival-Leiter Matthias von Hartz wird den künftigen Kurs nicht mehr mitbestimmen, konnte also sein Bedauern über das Ende ausdrücken: „Foreign Affairs“ sei es gelungen, sich im internationalen Festival-Kontext zu positioneren. Wenn so ein Festival verschwinde, sei das Anlass zur Sorge. Trotz der demonstrativen Einigkeit von Oberender und von Hartz: Hier konnte man Dissens erahnen.

Zur Aufführung von Alain Platel erschien dann alles, was Rang und Namen hat in der Berliner Kulturszene. Der gefeierte Choreograf, der sich noch nie um Genregrenzen geschert hat, hat sich von der Tradition flämischer Blaskapellen zu „En avant, marche!“ anregen lassen, das Stück hat er gemeinsam mit Regisseur Frank von Laecke und dem Komponisten Steven Prengels erarbeitet. Zu Beginn spannt der massige Wim Opbrouck die Zuschauer erst mal auf die Folter. Die „Lohengrin“-Ouvertüre erklingt, Opbrouck greift zu den beiden Becken und wartet darauf, endlich zum Einsatz zu kommen. Undgeduldig spult er vor und lässt es schließlich zweimal mächtig scheppern. Ein erfülltes Musikerleben sieht anders aus. Wenig später erfährt man, warum er so missmutig über die Bühne tapst.

Der Mann hat eben erfahren, dass er Kehlkopfkrebs hat. Die Krankheit macht es ihm unmöglich, weiter Posaune zu spielen. Das Geständis wird hier auf Italienisch vorgetragen. Es handelt sich um ein Zitat aus Pirandellos Monolog „L’uomo dal fiore in bocca“. Opbrouck übersetzt: „Der Tod ist vorbeigekommen und hat eine Blume in meinen Mund gesteckt.“ In diesem schwermütigen Bühnen-Requiem will Alain Platel bei aller Körperdrastik auch Momente schmerzhafter Poesie zeigen. Aber die wirken doch sehr bemüht. Openbrock schreit seine Wut heraus, japst, fiepst und prustet. Doch was er am meisten fürchtet, ist das Verklingen der Musik. Er ist zwar in die letzte Reihe verbannt, doch er fordert seine Mitspieler immer wieder zum Weitermachen auf.

Das Leben ist eine Krankheit, doch die Kunst spendet Trost

Alain Platel erliegt beim Thema Tod und Musik freilich den Klischees. Ein letztes Aufbäumen vor dem Abkratzen. Dass bei Blasmusik auch das Thema Sexualität nicht ausgespart wird, war klar. Der Ex-Posaunist macht eine der beiden schon älteren Funkemariechen mit Zweideutigem an, etwa: „Wenn deine Matthäus-Passion befriedigt ist, kommt dann auch der kleine Johannes vorbei?“ Was die Szene so richtig ärgerlich macht: Die Angebaggerte muss dem uncharmanten Galan auch noch ihre Liebe gestehen – und wird dann rüde abgewiesen.

Opbrouck verfügt zwar über eine massige Präsenz, doch besonders feinsinnig ist sein Spiel nicht. Und er will auch keine tragische Figur abgeben. Ein letztes Tänzchen soll dem Moribunden den Abgang erleichtern. Der frühere Ballett-Tänzer Hendrik Lebon hebt den wuchtigen Openbrouck empor, schenkt ihm einen rauschhaften Moment. Dazu wird auf dem Mundstück einer Trompete Schuberts „Leiermann“ geblasen. Die körperliche Versehrung affiziert hier auch die Musik. Das Leben ist eine Krankheit, doch Kunst spendet Trost. Das ist die Botschaft dieses Abends, der sich manchmal dahinschleppt und -scheppert.

Eine Brass-Band, und zwar eine südafrikanische, tauchte auch in der 45 Meter langen Filmprojektion „More Sweetly Play The Dance“ von William Kentridge auf. An der Festspielhausfassade konnte man nach 22 Uhr die Prozession von schattenhaften Figuren verfolgen, die mal an eine Demonstration erinnert, mal an eine fröhliche Parade. Auch die Assoziationen zu Flüchtlingsströmen ist durchaus beabchsichtigt, denn einige der Figuren schleppen Lasten mit sich. Durch diesen Strom aus Menschen und Symbolen wirbelt ein Tänzer mit wunderbarer Leichtigkeit. Die scheinbar endlose Bewegung stimmt geradezu euphorisch.

„Foreign Affairs“, bis 16. Juli im Haus der Berliner Festspiele, www.berliner-festspiele.de

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