Kultur : Eros statt Heros

MARION AMMICHT

Wenige nur wollten am Ende dieses überhitzten Tages Herbert Blomstedt, das Chamber Orchestra of Europe und den Geiger Christian Tetzlaff hören.Schade.Denn das, was sich da im gut gekühlten Rund des Kammermusiksaals der Berliner Philharmonie abspielte, ist im ritualisierten, routinierten Konzertbetrieb nicht oft Programm: hochprofessionelle Musiker, begeistert, lebhaft, aufgeregt, aufs äußerste konzentriert; ein Dirigent der Spitzenklasse, uneitel und unprätentiös; und ein Solist, der das Kollektiv in ungeahnte Welten führt und dabei das eigene Können ganz in den Dienst der Sache stellt.Gleich zu Beginn ein klug pointierter Witz: Haydns selten gespieltes erstes Notturno in C-Dur für zwei Violinen, zwei Violen, zwei Hörner, Baß und Cello - dominiert von Flöte und Oboe, die brillant um die Wette konzertieren.Ein überraschender Auftakt zu einem populären klassischen Programm: Mozarts Violinkonzert in A-Dur KV 219 - sein "schönstes", wie man sagt - und Beethovens dritte Symphonie "Eroica" - ein revolutionäres "Heldenstück", wie es heißt.

Bei Blomstedts "Eroica"-Interpretation jedoch dominiert Eros, nicht Heros das Geschehen.Ohne die Katastrophen der Durchführung im ersten Satz, die lähmende Trauer des "Marcia funebre", die Brutalität der omnipräsenten Tutti-Schläge zu verleugnen, widmet Blomstedt seine ganze poetische Zuwendung dem Gedanken des Neuen und des Aufbruchs, der sich schließlich tänzerisch im letzten Satz entlädt.Fein ziselierend balanciert er den dialektischen Konflikt, nutzt dabei wohlkalkulierend die lebendige Ausdruckskraft des erstklassig besetzten Chamber Orchestra.Unwiderstehlich ist der Bann, in den Blomstedt seine Zuhörer dabei zieht.Und plötzlich fügte sich alles zusammen: als habe sich Beethoven Haydns Nocturno-Witz zum Ausgangspunkt gesetzt und Mozart in seinem Violinpart - von Tetzlaff dramaturgisch geschickt und technisch brillant interpretiert - den Beethovenschen Triumph des Poetischen erst recht zum Blühen gebracht.Eine Illusion - geschaffen von Solist, Dirigent und Orchester mit stupender Präzision, Lust und Leidenschaft.Und der Beweis, daß auch Altbekanntes, fernab von routinierten Konzertritualen, denen sich dieses Orchester allein schon durch seine intensiven Arbeitsphasen entzieht, noch überraschen kann.

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