Kultur : Erregend still und fromm

Peter Herbstreuth

Fotografie ist ein trügerisches Medium und ihre Suggestionskraft ungeheuerlich. Mit den großformatigen Reportage- und Porträtfotos der New Yorkerin Taryn Simon und den Andachtsbildern des Hamburger Künstlers Bernhard Prinz zeigt die Berliner Fotogalerie Camerawork zwei Möglichkeiten, sich von Lebenswirklichkeit zu entfernen, und diese doch zu behaupten. Die Welt ist schmutzig, brutal, gefährlich. Und die Bilder bieten eine Gegenwelt.

Die Porträts von Bernhard Prinz erscheinen als Phantasie über Reinheitsideale und damit über die Ikonographie der Marienverehrung: Prinz fertigte einen Kalender mit zwölf frontalen Frauenporträts. Der Kalender lässt sich wie ein Tischaltar aufklappen und bietet für jeden Monat einen Aphorismus. "Über der Wahrheit liegt nur der Schleier der Wirklichkeit", lesen wir im Dezember. Daraus erhellt sich ebenso die Kurzversion seines fotografischen Credos wie die Aufteilung der Welt in eine profane und eine heilige, die die Logik des Kultbilds fordert.

Taryn Simons Bilder werden im Fall ihrer Porträts von Jägern im Feld abrupt zum ästhetischen Bekenntnis. Die Stiefel der Jäger sind frisch geputzt, die Tarnanzüge gebügelt, die Blicke verwegen. Dabei wird die Pose des Jägers so lässig getragen wie ein Armani-Outfit im Stadtpark. Doch der Finger liegt am Abzug. Das Auge peilt durch das Zielfernrohr. Die Körperhaltung mag Tötungsbereitschaft signalisieren. Wild ist nicht zu sehen. Simon drückt ab. Die Jäger sind im Bild.

Häufig wird bei der preisgekrönten und stipendiumsgesegneten Fotografin, die 1999 im Tschetschenien-Krieg für amerikanische Medien fotografierte, hervorgehoben, sie lasse die Grenze zwischen kommerzieller und künstlerischer Fotografie verschwimmen. In ihren Reportagen porträtiere sie die von der Justiz der Vereinigten Staaten irrtümlich zum Tode verurteilten und wieder freigelassenen Männer in demselben Licht, mit dem sie Mannequins für Modezeitschriften ausleuchte. Sie habe so eine "neue Art des Fotojournalismus" entwickelt, da sie ihre Objekte in "kommerziell perfekter Ästhetik" in Szene setzt.

Für Autorenfotografen wie Simon ist es eine Überlebensfrage, ihre Leidenschaften zu professionalisieren. Sie müssen zeigen, auf welchem bildnerischen Terrain sie stehen. Simon lässt ihre Bilder so makellos glänzen, als müssten sie alle den Konventionen der Reise- und Modezeitschriften gehorchen. Dabei erkennt man die abgrundtiefe Differenz zu dem fast gleichaltrigen Wolfgang Tillmans, der in ungleich mehr Verwertungsgebieten zuhause ist und den die jeweiligen Freiheiten und Zwänge virtuos produktiv machen. Den Kontakt zur Realität hat er nicht verloren, schließlich sagt er: "Mode- und Werbefotografie sind keine Kunst. Sie haben ihren eigenen Sinn und sollten nicht mit Kunst verwechselt werden." In Theoriegebieten, wo die Verschränkung von high and low für eine Frage der Avantgarde gehalten wird, kann Simon als Rebellin gelten, die diese Schranken mit ihren Bildern (2000 bis 10 100 Euro) plättet.

Bemerkenswert ist allerdings, dass im Kontrast zu Tillmans sowohl Prinz als auch Simon an einer Entwirklichung der Welt durch die Fotografie arbeiten. Fast kein Bild verdankt sich einer konkreten Beobachtung. Simons Reportagen erscheinen so fiktiv und vom Glauben abhängig wie die Andachtsbilder von Prinz. Sie deuten nicht auf die Welt mit ihren Unvorhersehbarkeiten, sondern auf das szenische Geschick der Fotografen im Reflektionswinkel ihrer Verwertungsabsichten. Bei Prinz ist dies vorgegeben: Er tradiert die Ikonographie der Mariendarstellungen und spiegelt in der populären Form religiöser Verehrung das Bild junger Frauen von heute. In seinem Blick wird jede Frau Maria und kann in aller Unschuld einen Propheten gebären, der die Welt verändert. Insofern ist es konsequent, den Ikonen einen Ort im Alltag zu geben und passend zur Weihnachtszeit als Geschenkidee, nämlich als Kalender, zu präsentieren. Neben dem Multiple (600 Euro) zeigt er die zwölf Porträts im Großformat (4800 Euro).

Bernhard Prinz bleibt der sorgfältig komponierende Studiofotograf, als der er seit Jahren mit seinen allegorischen Bildern bekannt ist. Mit seinen neuen Bildern hält Prinz nun mit Hamburger Kühle der Idee der Jungfräulichkeit eine kleine Andacht im Kunstraum: "Bitte nicht berühren." Zweifellos ist dies eine so schwärmerische Männerphantasie, dass sie auch als die Variante des ewigen Kults etwa um die Diva Maria Callas wahrgenommen werden kann; auch sie passt zu allen Jahreszeiten und macht durch das Ohr erregend still und fromm. Doch wirken die schönen Frauen fast alle blass und kränklich. Offensichtlich ist Keuschheit ungesund. Über die Geschichte der porträtierten Frauen erfahren wir jedoch nichts; sie stehen für eine Bildidee, nicht für sich selbst.

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