Kultur : Errol Morris Dokumentation über den Holocaust-Leugner Fred. A. Leuchter

Frank Noack

Oft möchte man weghören, wenn Leuchter von misslungenen Hinrichtungen erzählt, die es vor seiner Zeit gegeben hat, und wegsehenFrank Noack

Er war garantiert eines jener Kinder, mit denen niemand spielen wollte. Statt dessen hing der kleine Fred A. Leuchter Jr. im Hobbykeller seines Vaters herum, den er auch zur Arbeit begleitete. Papa Leuchter arbeitete in einem staatlichen Gefängnis, im Todestrakt. Den kleinen Fred faszinierten die Geräte, mit denen Verbrecher zu Tode gebracht wurden. Aber er stellte auch fest, dass mit den Geräten etwas nicht stimmte. Manchmal waren die Stromstöße zu schwach, dann überlebte der Verurteilte und schrie eine halbe Stunde lang vor Schmerz, bis die Exekution wiederholt werden konnte. Fred fand, dass die Sitze zu unbequem waren. Und dann erst die ekelhaften Nebenwirkung, dass die Hingerichteten sich in die Hose machten. Fred hatte eine Aufgabe fürs Leben gefunden. Er würde diese Geräte verbessern. Damit die Hinrichtungen für alle Beteiligten humaner werden, für die Delinquenten und für die Justizbeamten, die hinterher aufwischen müssen.

Oft möchte man weghören, wenn Leuchter von misslungenen Hinrichtungen erzählt, die es vor seiner Zeit gegeben hat, und wegsehen. Errol Morris, der Regisseur dieser faszinierenden Dokumentation über den "Execution Consultant" Leuchter, findet für dessen verspieltes Wesen die passenden Bilder. Lachen und Gruseln halten sich die Waage. Leuchter, ein exzellenter Selbstdarsteller, lässt sich aufnehmen wie Dr. Frankenstein in seinem Labor, umgeben von Drähten und flackerndem Licht.

Die gute Arbeit, die Fred A. Leuchter Jr. verrichtete, sprach sich herum. Der unscheinbare Mann aus Massachusetts genoss innerhalb der Branche hohes Ansehen und wurde weiter empfohlen. Natürlich musste er dazu sein Repertoire erweitern, aber das war für den leidenschaftlichen Bastler kein Problem. Er baute Galgen und verbesserte Giftspritz-Anlagen. Leuchter vergleicht seine Geräte mit denen einer Intensivstation. Die Ziele mögen sich unterscheiden, doch in beiden Fällen ist Präzision das oberste Gebot. Gaskammern mochte Leuchter nie so recht, wegen der Explosionsgefahr, und er übernahm ihre Perfektionierung nur der Vollständigkeit halber. Das wurde ihm schließlich zum Verhängnis.

Der deutschstämmige Kanadier Ernst Zündel, Autor von Büchern wie "The Hitler We Loved and Why", wünschte sich Leuchter als Gutachter in einem Verfahren, das gegen ihn eröffnet wurde. Leuchter sollte nachweisen, dass in Auschwitz keine Vergasungen statt gefunden haben. 1988 fuhr der frisch vermählte "Mr. Death" dorthin. Es war seine erste Europareise. Die arme Ehefrau musste draußen im Auto warten und frieren, während Leuchter in der ehemaligen Vernichtungsstätte Steinproben nahm. Die Steine ließ er in den USA nach Giftspuren untersuchen. Es wurden keine gefunden. Also, schloss Leuchter aus den Untersuchungsergebnissen, können in Auschwitz keine Vergasungen stattgefunden haben. Er veröffentlichte den berüchtigten "Leuchter-Report", der dem Revisionisten David Irving die Augen öffnete. Bis dahin hatte Irving nicht die Existenz des Holocaust geleugnet, sondern nur die Verantwortung Adolf Hitlers für dieses Jahrhundertverbrechen. Jetzt leugnete er die Existenz der Vergasungen schlechthin.

Errol Morris, der mit "Eine kurze Geschichte der Zeit" (1992) ein höchst anregendes Porträt des Physikers Stephen Hawking geliefert hatte, ist über Fred A. Leuchter ein genauso anregender Film gelungen, der auch noch zur rechten Zeit kommt. Gerade führt David Irving in London einen Prozess gegen die Historikerin Deborah Lipstadt (der Tagesspiegel berichtete am 12.2.). Aber sehen Sie selbst. Über "Mr. Death" lässt sich endlos diskutieren.Heute 17.30 Uhr (CinemaxX 7), morgen 17.45 Uhr (CinemaxX 8), 18.2., 20.15 Uhr (CinemaxX 8), 19.2. 14.30 Uhr (International)

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