Kultur : Erst anfüttern, dann absahnen

Frankfurt ohne die Sammlung Bock

Dorothee Baer-Bogenschütz

Inzwischen sind die ersten Stücke verkauft. Bruce Naumans „Hanging Heads #1“, eine große Kuli-Arbeit von Alighiero Boetti, diverse Balkenhols und Ruffs wurden bei Christie’s versteigert. Zuvor zierten sie jahrelang das Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK). Dem Haus ist eine Lektion erteilt worden, die nachdenklich macht: Man könne aus diesem Fall nur lernen, dass Dauerleihgaben, die eigentlich keine sind, weil sie zurückgenommen werden können, im Museum nichts oder nur in Ausnahmefällen etwas zu suchen haben, heißt es resigniert am Main. Der Katzenjammer ist groß. Anstatt ein sicherer Hort zu sein – wie Künstler und Direktion glaubten –, steht das Museum nun als „Durchlauferhitzer“ da.

Drei Millionen Mark gab der Immobilienunternehmer Dieter Bock dem Vernehmen nach dem damaligen Direktor Jean-Christophe Ammann für Ankäufe an die Hand. Während seiner Amtszeit (1989 bis 2001) kaufte er aus diesem Fonds kontinuierlich Kunst, die als Dauerleihgaben deklariert den Grundstock der MMK-Sammlung bildete. Bis Bock die fast 500 Stücke abzog. Insgesamt, schätzt Ammann, könnten seine Erwerbungen im Verkauf 50 Millionen Euro bringen. Ob es seinem Nachfolger Udo Kittelmann gelingt, die MMK-Inkunabeln vom Markt weg zu ergattern, ist fraglich. Insgesamt waren von 1989 bis 1995 mit dem Geld des Privatsammlers Werke von 29 Künstlern ins Haus gelangt. Gerade einmal 170000 Euro haben die Stadtverordneten jetzt bereitgestellt, um 14 Arbeiten zurückzuerwerben. Zu einem „historischen Ankaufspreis“, wie es in Frankfurt heißt, wo man sich um Schadensbegrenzung bemüht.

„Die Gier ist unendlich“, sagt Ammann heute. Er schließt inzwischen nicht mehr aus, dass sein Big Spender von Anfang nur anfüttern wollte, um abzusahnen: „Ich habe für ihn einen unglaublichen Wertzuwachs geschaffen.“ Ammann selbst hätte es besser wissen müssen. Schon 1991 bekannte er in einem Interview: „Da gibt es die Dinge, die uns 15 bis 17 Jahre erhalten bleiben, die von einem Sammler stammen, der anonym bleiben will. Es ist eine Stiftung gegründet worden, die zu einem gewissen Zeitpunkt entscheiden wird, ob die Arbeiten hier bleiben oder in ein anderes Museum gehen sollen.“ Nun steht das Haus vor einem Scherbenhaufen. Mit dem Fall Hans Grothe ist das Debakel nur bedingt vergleichbar. Während Bock alles auf den Markt wirft, hat Grothe seine Kollektion komplett an das Sammlerpaar Ströher verkauft. Indes laufen auch die Grothe-Leihverträge mit den diversen Museen nur noch 20 Jahre. Und die Neu-Eigentümer haben die Option, gebenenfalls vorzeitig etwas abziehen zu dürfen.

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