Kultur : Erst der Kartoffelschnaps löst die Zunge

Zucker für die Augen: Filme der nächsten Generation aus Korea im FORUM und PANORAMA

Sebastian Handke

Männer sind lächerlich. Vor allem solche in den Dreißigern. Niemand wirft das mit solch feinfühliger Bosheit auf die Leinwand wie der Südkoreaner Hong Sangsoo: Mit einem Satz oder Bild definiert er ganze Beziehungsgefüge um. Als Realisten hat man ihn bezeichnet, doch das ist nur die halbe Wahrheit. Hongs ernüchternden und zugleich bitterkomischen Filmen liegt immer ein Bauplan zugrunde: Spiegelung, Umkehr und Variation sind ebenso wichtige Mittel seines Entblößungskinos wie treffsichere Dialoge.

In „Woman on the Beach“ (Haebyuneui Yoein) fahren der Regisseur Joong- rea (Kim Seung-woo), sein Ausstatter Chang-wook (Kim Tae-woo) und dessen Freundin Moon-sook (Ko Hyun-jeong) an die Shunduri-Küste. Kaum angekommen, macht sich Joong-rae an Moon- sook ran, und die daraus folgenden Macht- und Imponierspiele der beiden Männer sind von hoher subtiler Komik. Dann reisen sie ab. Nach zwei Tagen kehrt Joong-rae angeblich voller Sehnsucht zurück, trifft auf eine andere Frau, die Moon-sook ähnelt, und plötzlich ist auch Moon-sook selbst wieder da. Das Spiel beginnt also neu, doch der Gefühlsabrieb dieses Dreiecks ist viel ernster. Es gibt noch andere flüchtige Dreiecksverbände, sie lösen sich auf und ab in einem langsamen, zuweilen leicht torkeligen Tanz – denn erst der Kartoffelschnaps löst in Shunduri die Zungen. Im milchigen Licht der Küste führt Hong uns vor, wie das Zusammenkommen nicht zustande kommt – weil man nichts anderes sehen will als das Bild, dass man sich vom Anderen gemacht hat.

Südkorea ist zur Zeit wohl das lebendigste Filmland der Welt, und hinter der Riege international etablierter Filmemacher wie Hong Sang-soo, Kim Ki-duk („Bin-jip“) oder Park Chan-wook (mit „I’m a Cyborg“ im Wettbewerb) macht sich schon die nächste Generation von Autorenfilmern bemerkbar. Lee Yoon-ki verzauberte bereits mit seinem Debüt „This Charming Girl“. Auch im Mittelpunkt von „Ad Lib Night“ (Aju teukbyeolhan sonnim) steht eine junge Frau: Bogyeong (Han Hyo-joo) wird auf der Straße von zwei Männern angesprochen. Sie soll als Double einer verschollenen Tochter am Sterbebett eines alten Mannes einstehen. Bo-gyeong zögert, fährt dann aber doch mit aufs Land. Dort hockt die Familie schon im Kreis und wartet auf den Tod: Sie grillen, schauen Soaps, streiten über Geld. Das falsche Mädchen, wie ein Geist, beachtet kaum jemand. Dann beugt sie sich zum Sterbenden herunter und flüstert ihm etwas ins Ohr.

In nur zehn Tagen abgedreht, gleitet „Ad Lib Night“ durch eine Folge von Begegnungen, bevor das Mädchen am Ende der Nacht zurückkehrt in die Stadt, und wir doch noch erfahren, wer sie eigentlich ist. Dass dieser Film ursprünglich fürs Fernsehen vorgesehen war, glaubt man kaum, so eindrucksvoll ist seine Inanspruchnahme ländlicher Dunkelheitsschattierungen. Ein kleines, leises und so schlichtes Werk, dass man seine Kraft erst bemerkt, wenn es fast schon vorbei ist.

Doch nicht nur der Autorenfilm, auch das populäre koreanische Kino ist ausgesprochen lebendig, und das Publikum in dieser noch jungen Demokratie erwartet Bezüge zur eigenen Gesellschaft – selbst in einem Monsterblockbuster wie „The Host“ (im März auch in hiesigen Kinos) oder in „Dasepo Naughty Girls“ (Dasepo Sonyeo), E J-Yongs verspielter Adaption eines Internet-Comics über die Schüler der sonderbaren „No-Use-Highshool“: „Poor Girl“ trägt die Armut auf Schultern, „Cyclop“ hat nur ein Auge und seine schöne Schwester ist in Wahrheit ein Junge. Außerdem: der bullige Transvestit „Big Razor Sis“, rosa-perückte Go- Go-Girls und ein Damenwäsche auftragender Geschichtslehrer, der sich als Strafe für schlechten Unterricht von seinen Schülerinnen auspeitschen lässt.

„Dasepo Naughty Girls“ ist prallbunter Augenzucker, eine ausgelassene Feier der „Korean Wave“, die den pan-asiatischen Pop seit Jahren dominiert. Erstaunlich, dass dieses herrliche Feuerwerk von schlüpfrigen Zoten, kitschigen Musikeinlagen und nadelscharfen Spitzen gegen koreanische Gepflogenheiten nicht im mindesten schmutzig ist oder von schlechtem Geschmack, sondern mit liebenswertem, fast naivem Charme für sich einzunehmen weiß. Seine volle absurde Wucht kann „Dasepo“ wahrscheinlich nur entfalten, wenn man mit Südkorea vertraut ist. Aber selbst wer hier nichts zu lachen hat, kann sich zurücklehnen und die hohe Dichte allerniedlichster koreanischer Jungschauspielgesichter genießen.

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