Kultur : Erst die Arbeit

Vom Betonbau ans Bauhaus und zurück: der Leipziger Maler Albert Hennig

Christiane Meixner

Das Bauhaus hat ihn gern genommen. Albert Hennig besaß ein Auge für das Abgründige im Alltag und hielt es in seinen Fotografien fest. Erstaunlich aber ist, dass Hennig es 1932 überhaupt bis nach Dessau brachte: Der Betonbauer sparte sich Geld und Urlaub mühsam von seiner Arbeit ab, um im Vorkurs bei Josef Albers elementaren Formunterricht zu nehmen und die Kompositionen alter Meister zu analysieren. Das Fotografieren hatte ihn angefixt, mit dem Bauhaus aber war es bald vorbei. Nur ein Jahr nach Hennigs Aufnahme schloss die Institution auf Druck der Nationalsozialisten, die den jungen Künstler bis 1945 in seinem früheren Beruf zwangsverpflichteten. Und doch blieb, was er in dieser intensiven Phase an Wissen und Eindrücken aufgesogen hatte, lebenslang hängen.

Zu seinem 100. Geburtstag zeigt die Galerie am Gendarmenmarkt nun eine eigenwillig multiple Retrospektive des Künstlers mit der Stop-and-Go-Biografie: Schwarzweiße Momentaufnahmen der späten zwanziger Jahre wechseln mit abstrakter Bauhaus-Fotografie, ein idyllisches Landschaftaquarell der Siebziger hängt neben abstrakten Kompositionen von 1985. Alles Kleinformate, schließlich wurde Hennig nach kurzem künstlerischem Wiederanfang in Zwickau aus Enttäuschung über die stilistische Normierung der DDR bald erneut zum Betonbauer – und beschränkte seine Malerei auf die stillen Stunden nach der schweren körperlichen Arbeit.

Ihn einen Vertreter jener „Verschollenen Generation“ zu nennen, die dem Gedächtnis der Kunstgeschichte zwischen den beiden Weltkriege entglitten ist, würde Hennig nicht gerecht. Sein Leipziger Galerist Hans-Peter Schulz hat ihn trotz aller Zurückhaltung kontinuierlich begleitet und der bundesrepublikanische Staat den Künstler vor seinem Tod 1998 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Und doch verrät die Ausstellung viel über einen Mann mit großem Talent, das Opfer der Umstände geworden ist. Man ahnt, was für Potenziale in Hennig schlummerten. Bis in die späten Blätter experimentiert er mit Ausdruck und Farben, scheint alles möglich, und selbst wenn manches an Klee, anderes an Miró oder Grosz erinnert: Henning hätte bloß mehr Zeit gebraucht, um seinen Stil voll zu entwickeln. Christiane Meixner

Galerie am Gendarmenmarkt, Taubenstraße 20; bis 20.1., Mi-So 14-20 Uhr.

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