Kultur : Erst erfreuen, dann belehren

Neugierig auf fremde Welten: Was die Humboldt-Universität im Humboldt-Forum bewegen kann / Von Christoph Markschies

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Die Diskussion über das Humboldt-Forum in der Mitte der Hauptstadt des Landes ist wieder in Gang gekommen, nicht zuletzt durch die kluge Reduktion der Bauaufgabe und des geplanten Bauvolumens, die jüngst Bundesbauminister Tiefensee vorgeschlagen hat. Nun besteht die einmalige Chance, daß sich die Förderer einer Rekonstruktion der barocken Fassaden des gesprengten Berliner Stadtschlosses mit den Protagonisten der Idee eines Humboldt-Forums verbinden und gemeinsam mit Bundes- und Landespolitikern für einen baldigen Baubeginn auf der Spreeinsel kämpfen.

Private Sponsoren werden sich, wie man jüngst aus New York hören konnte, auch außerhalb des Landes finden, falls sie das Konzept eines Humboldt-Forums im Schloß überzeugt. Also muß es in der Öffentlichkeit erläutert, diskutiert und bekannt gemacht werden, beispielsweise in einer Info-Box auf dem zum Rummelplatz verkommenen Schloßplatz. Außerdem darf es nicht bei der Rezitation bloßer Formeln bleiben; ein unbestimmter „Ort der Begegnung der Weltkulturen“ oder eine blasse „Symbiose von Kunst und Wissenschaften“ begeistert kaum jemanden.

Wenn der erste Spatenstich für das Humboldt-Forum, wie von Wolfgang Tiefensee vorgeschlagen, in den Jahren 2009 oder 2010 erfolgen könnte, also zeitgleich mit dem zweihundertjährigen Jubiläum der Humboldt-Universität zu Berlin, wäre dies nur konsequent. Denn die Humboldt-Universität hat gemeinsam mit den Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz das Konzept eines Humboldt-Forums auf der Basis einer ursprünglichen Idee von Klaus-Dieter Lehmann nicht nur fortentwickelt, sondern in einzelnen Ausstellungen bereits zeichenhaft realisiert und so zugleich getestet. Die Museen und Bibliotheken der Stiftung preußischer Kulturbesitz sammeln und konservieren Objekte, ihre Erforschung im Kontext zeitgenössischer Medientheorien findet schon aufgrund der begrenzten Personalkapazität der Stiftung vor allem an der Universität statt. Beides kommt aber im traditionellen Betrieb beider Einrichtungstypen kaum zusammen: Eine Universität präsentiert sich der Öffentlichkeit vor allem durch mehr oder weniger verständliche Vorträge und Symposien, also durch Texte, ein traditionelles Museum durch mehr oder weniger begreifbare Bilder und Objekte mit knappen Erläuterungen.

Für die Humboldt-Universität ist diese neue Form enger Zusammenarbeit mit den Museen im Humboldt-Forum schon deswegen von essentieller Bedeutung, weil sie darin nicht nur ein Stück verlorener heiler Vergangenheit sieht, sondern ein bedeutsames Stück ihrer Zukunft. Wilhelm von Humboldt hat seinem König bekanntlich in knappen Memoranden vorgeschlagen, in Berlin eine Universität und ein Museum einzurichten. Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp hat die neue Universität aufgrund ihrer wissenschaftlichen Sammlungen etwas zugespitzt ein „Museum mit angeschlossenem Lehrbetrieb“ genannt; das Naturkundemuseum ist nur die bekannteste aus einer ganzen Anzahl von Sammlungen. Umgekehrt sollte in der Mitte der Museumsinsel eine „Freistätte für Kunst und Wissenschaft“ in Form eines Tempels entstehen, die zwei Geschosse Hörsäle und eine große Aula enthalten sollte. Johann Heinrich Strack hat das Gebäude später aufgrund königlicher Skizzen, aber in stark veränderter Gestalt als Nationalgalerie ausgeführt. Wenn Universität und Museen im Vorfeld ihrer Jubiläen an diese alten Ideen anknüpfen und ihre Kompetenzen zusammenwerfen, um Wissenschaft so zu inszenieren, daß sie auch breite Kreise fasziniert – Schinkel sagt: „Erst erfreuen, dann belehren“ –, dann entsprechen sie so eigentlich erst den Anforderungen einer modernen Kommunikationsgesellschaft. Neben interaktiven Ausstellungen in der Art amerikanischer Science-Museen kann Wissenschaft beispielsweise auch durch die Aufführungen griechischer Dramen durch Studierende der klassischen Philologie oder ausgewählte Experimente zur lichtgestützten Materialforschung durch die Dozenten der naturwissenschaftlichen Institute inszeniert werden, durch Film- und Musikaufführungen.

Nun soll aber im Humboldt-Forum nicht schlechterdings alle Wissenschaft inszeniert werden sollen und auch nicht einfach alle Objekte der wissenschaftlichen Sammlungen der Humboldt-Universität präsentiert werden. Vielmehr werden alle im Humboldt-Forum realisierten Aktivitäten durch die Begegnung mit den außereuropäischen Kulturen geprägt sein, denn auf diese Weise wird die nördliche Museumsinsel als Ort der Präsentation abendländischer, im Wesentlichen alteuropäischer Kulturen durch einen Ort für die andere Hälfte der bewohnten Welt ergänzt – die relativ enge Weltsicht des gern auf Humboldt zurückgeführten deutschen humanistischen Gymnasiums durch die tatsächliche Weite des Weltzugriffs der Gebrüder Humboldt ergänzt. Da Wissenschaft im 21. Jahrhundert nicht nur aus Forschung über fremde Regionen bestehen kann, sondern Forschung mit Vertretern dieser Regionen einschließen muß (so Wolf Lepenies), wird das Humboldt-Forum zugleich eine Agora für Wissenschaftler, Musiker und Künstler außereuropäischer Länder werden; gemeinsam mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften sollen andernorts auch Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten für entsprechende „Humboldt-Fellows“ angeboten werden.

Lebendige Inszenierung der Geschichte und Gegenwart außereuropäischer Kulturen, von einschlägigen Sammlungen und entsprechender Forschung: Auf diese Weise wird das Humboldt-Forum in der Mitte des Landes viele Menschen neugierig auf diese fremde Welt machen und so einen zentralen Beitrag zu interkulturellem Verständnis leisten, das für ein gemeinsames Überleben der Menschheit essenziell ist.

Christoph

Markschies,

geboren 1962

in Berlin, ist

Theologe und

seit 2005

Präsident der

Humboldt-

Universität.

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