Kultur : Erst kamen die Blusen

NORBERT TEFELSKI

Im Rahmen einer festlichen Veranstaltung präsentierte die Akademie der Künste gestern abend das Rudolf-Nelson-Archiv, eine Schenkung der Kabarettistin Anita Sander. Der höchst erfolgreiche Schlagerschreiber und Prinzipal verschiedener Unterhaltungstheater, 1878 als Rudolf Lewysohn in Berlin geboren, durfte sich von Anbeginn höchstwohlgeborenen Wohlwollens sicher sein: 1908 von Wilhelm II. zum "Souperdessert" geladen, brachte er den französischen Chanson-Star Jean Moreau sowie einen echten Ohrwurm mit, den der Kaiser gleich fünfmal hintereinander zu hören wünschte: "Erst kamen die Blusen und Kleider . . . darauf die Dessous undsoweiter, und dann, und dann kam sie."

Auch als es knüppeldicke kam, ließ der Pläsierproduzent, im Herzen kaisertreu bis zu seinem Toe 1960, das Vaterland nicht im Stich. Fünf Wochen nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs reüssierte er mit einer Hurra-Revue, von Willi Prager patriotisch betextet: "Wir reden deutsch und wollen Deutsche sein." Genau: Nelsons "Chat Noir" hieß ab sofort "Schwarzer Kater", und wer heute darüber nachdenkt, ob es wohl "rechtes" beziehungsweise "reaktionäres" Kabarett gibt, der findet in jenen Jahren interessante Antworten. Daß sich Nelson aber in der Weimarer Zeit einen Tiger namens Theobal hielt, mag manchen Schwarzdenker verwundern. Das Raubtier schrieb zahme Texte für gutes Geld und ließ als Kurt Tucholsky anderwärts Dampf ab. Tatsächlich arbeitete der "dicke Napoleon des Cabarets" mit fast allen bedeutenden Künstlern der Branche zusammen, bevor er, der jüdische Kaufmannssohn, die letzten Jahre Kriegsjahre in einem Versteck überlebte.

Aus rund sechstausend Nelson-Melodien, darunter Kleinkunst-Evergreens wie "Tamerlan" oder "Das Nachtgespenst", stellte Brettl-Experte Volker Kühn eine Doppel-CD mit historischen, teilweise raren Aufnahmen zusammen. Pointiert komprimierte er überdies Leben und Werk des runden Rudi auf 33 "Archivblatt"-Seiten, zu erwerben über die Akademie der Künste.

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