Kultur : Erst Sauerkraut, dann das!

Ulrich Holbein huldigt dem Dichter Jean Paul.

Richard Schroetter

Die Gedenk-Jubiläumsmaschine spuckt zwar am laufenden Band Namen ehrwürdiger Menschen aus, doch vergisst sie diese auch gerne wieder. Zu denen, die man davor unbedingt bewahren sollte, gehört der Dichter Jean Paul, dessen 250. Geburtstag im vergangenen März zu feiern war.

Der geniale Franke, in Wunsiedel geboren und 1825 in Bayreuth gestorben, erhält nicht einmal in der Stadt, in der er immerhin seit 1804 zu Hause war, die Aufmerksamkeit, die man wiederum dem 1872 zugereisten Sachsen Richard Wagner im Jahr seines 200. Geburtstages angedeihen lässt. Mal abgesehen davon, dass das Werk des Schriftstellers womöglich noch unhandlicher und monströser ist als das des Komponisten: Er hatte schon zu Lebzeiten gegen vermeintliche Riesen zu kämpfen.

Ein Riese, mit dem der Verfasser des „Titan“ und des „Siebenkäs“ (Untertitel: Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs im Reichsmarktflecken Kuhschnappel) nicht zurechtkam, hieß Johann Wolfgang von Goethe. Der Weimarer Klassiker soll kopfschüttelnd in den Werken des bierseligen Romanciers geblättert und missbilligend gesagt haben: „Erst Sauerkraut und dann 15 Seiten aus Jean Paul. Das halte aus, wer will!“ Der Geheimrat fand den „Luftschiffer des Geistes“ so abstrus wie die Vorstellung eines Chinesen in Rom. Was für eine diskriminierende Bemerkung, beschwert sich Ulrich Holbein, einer von Jean Pauls zeitgenössischen Nachfahren, in seinem Doppelporträt der ungleichen Dichter. Dabei wettert er unter anderem gegen Goethe und Raoul Schrott, gegen die Gruppe 47 und den rechthaberischen Moralapostel Günter Grass, gegen pausenlose „Oscarnominierungen, Bambis, Ritterschläge, Nobelpreise alle elf Nanosekunden“, gegen „Ehrenbürgerschaften, Anstecknadeln und Lorbeerzweige“ – bisweilen krampfhaft lustig, bisweilen herzhaft verzweifelt. „Die nächsten 4,5 Milliarden Jahre“, verspricht der einsame „Hirnbulle“ aus dem hessischen Knüllgebirge frohgemut, „wollen ausgeleuchtet werden, und ich fürchte durch mich – dies aber nur, falls nichts dazwischenkommt.“ Stellenweise bewusst albern ist das, doch eine wunderbare Ergänzung zur Zwangsseriosität anderer Feiertexte. Richard Schroetter

Ulrich Holbein:

Ein Chinese in Rom. Jean Paul und Goethe – ein untendenziöses Doppelporträt.

Haffmans & Tolkemit, Berlin 2013.

320 Seiten, 19,90 €.

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