Kultur : Erst stech’ ich dich, dann fress’ ich dich

Der „Kannibale von Rotenburg“ steht vor Gericht. Warum unsere Kultur immer wieder von Menschenfressern fasziniert ist

Kai Müller

Robinson Crusoe ist ein praktischer Mann. Noch bevor er weiß, ob ihm auf der fremden Insel Gefahr droht, rammt er Palisadenzäune in den Boden und baut seinen Unterschlupf zur Festung aus. 18 Jahre lebt er wehrhaft für sich allein und dann: „Ich kann das Entsetzen nicht ausdrücken, welches meine Seele erfüllte, wie ich das Ufer von Schädeln, Händen, Füßen und andern menschlichen Gebeinen übersät sah.“ Eingeborene haben sein Eiland für ein kannibalisches Schlachtfest aufgesucht. Nicht nur, dass sich sein Sicherheitskonzept rückwirkend bestätigt. Schon bald steigen Rachefantasien in ihm auf. Aber er besinnt sich eines Besseren: „Mit welchem Rechte warf ich mich zum Richter und Henker dieser Menschen auf, welche Gott Jahrhunderte lang hatte ungestraft leben lassen, um untereinander selbst die Vollstrecker seiner Strafgerichte zu sein.“

Dem Kasseler Landgericht dürfte Robinsons noble Zurückhaltung kaum möglich sein. Wenn diese Woche der Prozess gegen Armin Meiwes, den „Kannibalen von Rotenburg“, mit der Vernehmung von Zeugen und Sachverständigen fortgesetzt wird, steht die Schuld des 42-jährigen Angeklagten außer Frage. Der in seiner hessischen Heimat bislang unauffällige Junggeselle hat gestanden, im März 2001 einen Mann – angeblich auf dessen eigenen Wunsch hin – getötet, den Körper ausgenommen und das Fleisch (30 Kilogramm) „im Rahmen seiner üblichen Mahlzeiten“ verzehrt zu haben. Geistig und seelisch sei der Angeklagte gesund, sagt der Gefängnis-Psychologe. Wegen Kannibalismus kann er nicht verurteilt werden. Es gibt diesen Tatbestand im Strafgesetzbuch nicht.

Umso fassungsloser macht einen der Vorgang. Was bedeutet es für unsere Kultur, dass sich ein Computerspezialist im Internet ein Opfer für seine kannibalischen Fantasien sucht – und fündig wird bei einem, der bereit ist, „sich bei lebendigem Leib verspeisen zu lassen“? Wie haltbar ist ein Tabu, das so leicht übersprungen wird? Oder handelt es sich nur um eine „besonders entlegene Blüte“ des Abartigen, wie Hans-Ludwig Kröber, Direktor des Berliner Instituts für forensische Psychiatrie, meint, „zu selten, um ein zeitgenössisches Phänomen zu sein“?

„I want to dance, I want to sing/ I want to bust up everything“, singen die Rolling Stones in „Too Much Blood“. Der Song handelt von Issei Sagawa, einem japanischen Studenten, der in Paris eine Kommilitonin tötete und aufaß. Jaggers Credo: „Die Wahrheit ist verrückter als jede Fiktion.“ Selbst ein Gentleman-Kannibale wie Hannibal Lector aus „Schweigen der Lämmer“ wird von der Wirklichkeit übertroffen. Immer wieder hat es Psychopathen wie Jeffrey Dahmer, Joachim Kroll und Fritz Haarmann gegeben, denen es besondere Lust bereitete, die Leichen junger Mädchen oder Männer zu verstümmeln, zu essen oder das Fleisch zu verkaufen.

Trotz solcher Einzelfälle ist Kannibalismus eine anthropologische Randerscheinung. Der Mensch hat es nicht nötig, seinesgleichen zu fressen. Jedenfalls nicht, solange er Tiere jagen und sich von Pflanzen ernähren kann. So sind denn aus jüngster Vergangenheit vor allem Notfälle bekannt, in denen Überlebende von Schiffsunglücken, Hungerkatastrophen oder anderer Ausnahmesituationen zum Kannibalismus neigten. Die britische Admiralität stellte im 17. Jahrhundert sogar eigens Regeln für den Fall auf, dass Schiffsbesatzungen zum menschlichen Notopfer greifen mussten. Eine Praxis, die später von Poe bis Swift, von Mark Twain bis Dostojewski lustvoll aufgegriffen wurde.

Meist allerdings wurde der Leichenschmaus von Schuldgefühlen überschattet, an denen die Davongekommenen nachträglich zerbrachen. So beim spektakulärsten Kannibalismusfall der letzten Jahre, der 1993 von Frank Marshall verfilmt wurde („Alive“). 16 Mitglieder einer Rugbymannschaft hatten 1972 nach einem Flugzeugabsturz in den Anden mehr als zwei Monate überlebt, weil sie sich vom Fleisch ihrer Mitreisenden ernährten. Als Leistungssportler erschien es ihnen vielleicht weniger abwegig, den menschlichen Körper als Energie-Ressource zu nutzen.

Daniel Defoes Robinsonade von 1837 gilt als klassisches Überlebensepos. Wobei seine Kolonisationsutopie zugleich auch das Menschenfresser-Klischee von der wilden Bestie bedient. Tatsächlich waren die weißen Flecken auf den Weltkarten der Neuzeit mit „Hier wohnen Kannibalen“ überschrieben. Seitdem hielten sich Legenden von Völkern, die ihre Feinde verspeisen (Exokannibalismus) oder verstorbene Klanmitglieder (Endokannibalismus), so hartnäckig wie die Angst vor ihnen. Die meisten dieser Monstergeschichten führen in die Irre. Ein Beispiel sind die zahllosen Missionarswitze, bei denen der Prediger am Ende im Kessel landet. Denn aus Sicht der vermeintlichen Menschenfresserstämme verhält es sich genau anders herum: „Beinahe alle Schwarzen glauben, dass Weiße Kannibalen sind“, schrieb der Afrika-Forscher David Livingstone.

Ethnologen gehen heute davon aus, dass Kannibalismus bei Indianern zuweilen in rituelle Opferhandlungen eingebunden war. Menschenfleisch oder -blut, Teile des Gehirns oder die Genitalien wurden eher symbolisch in sich aufgenommen als gierig verschlungen, wie es die an fantastischen Übertreibungen nicht eben arme Literatur eines Rabelais („Gargantua“), Montaigne („Essais“) oder Hans Staden überliefert. Dessen „Wahrhaftige Historia und Beschreibung einer Landschaft der wilden, nackten, grimmigen Menschenfresser, in der Neuen Welt Amerika gelegen“ war ein Reflex auf den Kulturschock, den die Entdeckung des von einer fremden Hochkultur bevölkerten Kontinents auslöste – mit grausamen Folgen für die Entdeckten. So war der Kannibalismusverdacht den christlichen Inquisitoren ein Vorwand, um die Azteken auf Streckbänke zu schnallen, ihnen Gelenke und Knochen zu brechen, sie bei lebendigem Leibe zu vierteilen oder zu rösten.

Es gibt nicht viel, was den Menschen über das Tierreich erhebt. Mangel an Bestialität ist es nicht. Das Bewusstsein seiner Sterblichkeit, sagen die einen. Die Abkehr vom Kannibalismus, sagen andere. Doch ist das Fundament dünn, auf den sich das Verbot stützt. Keineswegs nur Naturreligionen suchen die Nähe ihres Gottes, indem sie ihn sich einverleiben. Bis heute hält die katholische Kirche an der Transsubstantiationslehre fest, nach der sich Wein und Brot in Jesus’ wahren Leib und wahres Blut verwandeln. Der Priester verzehrt den Messias, um sich leiblich mit ihm zu vereinigen. In dieser mystischen Verinnerlichung findet das Wissen, dass wir sterben werden, seinen christlichen Trost.

Man braucht also kein Teufel zu sein, um im Kannibalismus einen Sinn zu sehen. Darauf spielt auch Armin Meiwes an. Seit er in der Pubertät von Menschenfresservisionen heimgesucht worden sei, habe er davon geträumt, sich mit einem geliebten Menschen für immer zu vereinen. „Wie beim Abendmahl“, erklärte er vor Gericht.

Ein monströses Bedürfnis. Andererseits entspricht es nur dem Lustempfinden einer nie überwundenen oralen Phase. Freud bezeichnete sie als „kannibalische“, da die Sexualtätigkeit von der Nahrungsaufnahme noch nicht getrennt sei: „Das Sexualziel besteht in der Einverleibung des Objekts.“ In jedem von uns steckt dieser kannibalische Zug. Nur, dass wir meistens bald in die Lage versetzt werden, ein Ding, das wir begehren, nicht mehr fressen zu müssen. Es genügt, dass wir uns damit identifizieren. Das nennt man Kultur.

Gerade das kultivierte Abendland hat sich in seinen Mythen und Erzählungen immer wieder auf den ursprünglichen Impuls besonnen und Zerfleischungsorgien inszeniert, die hinter den Zivilisationskodex zurückfallen – meist in der Absicht, ihn neu zu begründen. Ein Beispiel ist die Göttergeschichte von Kronos, römisch: Saturn. Der fraß alle seine Kinder, sobald sie dem Leib der Mutter entschlüpften. So sehr hing er an seiner Königswürde, dass er fürchtete, von einem starken Sohn gestürzt zu werden. Zeus, sein jüngster, entging diesem Schicksal, weil die Mutter statt seiner einen in Windeln gewickelten Stein aushändigte. Auch den verschlang Kronos – und besiegelte seinen Untergang.

In der griechischen Mythologie sind Kindsverspeisungen ein beliebter Topos. Oft werden Eltern mit einem Festmahl gestraft, bei dem sie ahnungslos ihr eigen Fleisch und Blut verschlingen. Atreus wendet diese List bei seinem Bruder Thyestes an. Die Intrige ist so ungeheuerlich, dass das Atridengeschlecht sich danach komplett selbst vernichtet. Nur so tritt der zivilisatorische Konsens neu in Kraft.

In die Neuzeit haben es solche Horror-Szenarien durch Shakespeares „Titus Andronicus“ geschafft. Mit einem grausigen Versöhnungsbanquett rächt sich der römische Feldherr an seiner Gegenspielerin Tamora, indem er ihr eine Art Überraschungskeks serviert: die in Knochenteig gebackenen Häupter ihrer Söhne. Schließlich ist es der weise-zynische Geschichtsblick Heiner Müllers, der die westliche Zivilisation in einem kannibalischen Vernichtungstaumel untergehen sieht: „Menschen aus neuem Fleisch und Blut sind was die Zeit braucht./ Ich backe sie aus ihrem eignen Blut“, heißt es in „Germania 3“.

Meiwes fehlte es also nicht an Gelegenheiten, sich in die Idee der Anthropophagie zu verrennen. Zumal deutsche Kinderbücher voller Greuelmärchen und Kinderfressergeschichten sind, von denen „Hänsel und Gretel“ oder Wilhelm Buschs „Eispeter“ nur die populärsten sind.

Was einen erstaunt, ist denn auch nicht so sehr die Metzelei selbst, als vielmehr die nüchterne Logik, mit der ein bis dahin unbescholtener Bürger einen Deal einfädelt, bei dem er bewusst über eine Zivilisationsgrenze hinauszugelangen versucht – und das auch noch per Video dokumentiert. Wenn der Tod in säkularen Gesellschaften das, wie Baudrillard sagt, letzte unverfügbare Gut ist, weil es jeglichen Tauschbeziehungen entrückt ist, so haben Meiwes und sein Todeskandidat diese Bastion genommen. Ihre Verabredung gebärdet sich wie ein Handelsabkommen. Der Tod wird nicht gegen ein Fortleben im Jenseits ergaunert. Der Hingemordete lebt stattdessen als Tiefkühlkost und profanes Konsumgut weiter.

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