Kultur : Erstaunlich professionell: Sylvie Verheydes Debütfilm "Un frère"

Silvia Hallensleben

Ob das Mädchen mit den braunen Kulleraugen wirklich ausgerechnet Céline liest? Sophie erklärt das jedenfalls mit gebotenem Ernst. Ihr Gesprächspartner muß doch ein wenig lächeln. Vincent (Nils Tavernier) ist der Freund von Sophies großem Bruder. Der hat seine Schwester lange versteckt gehalten, vielleicht zu Recht: Kaum hat sie debütiert, macht Vincent ihr massiv den Hof.

Wahrscheinlich ist es einfach so, dass man zur Zeit in Paris Céline liest, so wie wir Hesse gelesen haben und Bakunin. Außer für Céline und sich selbst scheint sich Sophie für wenig zu interessieren. Sie sagt, dass sie besser weiß, was sie nicht will als was sie will. Damit dürfte sie Recht haben. Aber ist das nicht meist so mit 16, vielleicht, weil einem alle permanent sagen, was man tun und wollen soll. Und weil andererseits viele so Vieles von einem wollen, dass aus dem Abwehren gar nicht mehr herauszukommen ist. Sex zum Beispiel: Der Schulfreund, mit dem Sophie geht, bevor sie Vincent kennenlernt, zerrt so herrlich an ihr herum, dass einem sofort wieder höchstsinnlich präsent wird, wie klebrig sich das anfühlte, was "Knutschen" hieß. Nicht dass Sophie keinen Sex will. Doch als sie mit Vincent im Bett liegt, schläft sie einfach ein.

Oder Loic, der Bruder (Jeannick Gravelines). Der behandelt Sophie wie etwas, auf das er, wie auf ein Haustier, Zugriffsrechte hat. Dabei hat Loic selbst Probleme. Zwar ist der angehende Starfotograf (was sonst?) auf dem Weg nach oben. Doch zwischen Ausstellungseröffnung, Studiotermin und Clubbesuch haust er bei Schwester und Mutter in der Vorstadtwohnung. Loic ist so wild und grob und gierig wie Sophie hübsch und zierlich und zart. So ist das mit den Männern und Frauen im Kino, erst recht in Frankreich. Emma de Caunes, die für diese Rolle den César bekommen hat und wahrscheinlich noch groß herauskommt, sieht hier schon ein bißchen zu sehr nach Star aus, um als Mädchen von nebenan glaubwürdig zu sein. Richtig nahekommen läßt sich beiden Geschwistern nicht. Das versperrt den Zugang zu einem handwerklich perfekten Film mit suggestiv bewegter Optik (Kamera: Antoine Roch) und sattem Großstadtlicht. Am Ende, nach einem Begräbnis, geht es aufs Land in eine herbstliche Traumlandschaft.

Für ein Debüt sieht "Un frère" erstaunlich professionell aus. Aber Sylvie Verheyde arbeitet schon an ihrem nächsten Film. Der soll "Notre père" heißen. Emma de Caunes und Jeanick Gravelines sind in den Hauptrollen besetzt.In Berlin im Kino fsk am Oranienplatz (Original mit englischen Untertiteln)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben