Kultur : Erstaunliche Toleranz

Historiker, die über Charme und Witz verfügen, sind so häufig nicht; Gordon A.Craig, der am Sonntag in den "Berliner Lektionen" im Renaissance-Theater sprach, gehört zu ihnen.Mit liebenswürdigem Gebrauch von Ironie und tieferer Bedeutung fädelte der Stanford-Professor sich über eine kleine Zitaten-Montage ins Thema "Amerika entdeckt Berlin" ein: mit Lichtenberg - der, wenn er einen Tag König von Preußen sei, die Berliner zausen wollte - bediente er sich des Genres der Berlin-Kritik, mit einem einem Anonymus, der befand, vor Gott seien alle Menschen Berliner, des Berlin-Hochmuts.Mit Dieter Hildebrandt nahm er dann die Kurve in die für Berlin nicht untypische Skepsis: Wenn vor Gott alle Menschen Berliner seien, sei es wohl keine besondere Gabe, Berliner zu sein; es könne also jedem passieren.Das, so Craigs Schluß, müsse wohl auch für Amerikaner gelten.

Aber Craig ist auch ein Historiker, der es nicht verschmäht - obwohl nun mit 86 Jahren wahrhaftig in einem Alter, in dem er sich guten Gewissens seiner Weisheit überlassen könnte -, immer wieder aus den Quellen zu arbeiten.Aus den Tagebüchern des Berlin-Studenten Andrew Dickson White - er studierte hier 1855/56 - förderte er ein erheiterndes Bild des in einer "Rhapsodie des Murmelns" vortragenden Leopold von Ranke zu tage; White wurde später Mitbegründer der Universitäten von Cornell und Stanford, Gesandter und Botschafter, und bedachte das deutsche Universitäts-Wesen mit Urteilen, die uns heute blaß vor Beschämung werden lassen könnten.In den Aufzeichnungen von Willi Du Bois, einem der Führer der Befreiungsbewegung der Schwarzen, fand er erstaunliche Worte über die in Berlin herrschende Toleranz gegenüber seiner Hautfarbe, ganz im Gegensatz zu den "eisernen Fesseln", mit denen diese ihn in seiner Heimat festhielten; das war - Du Bois studierte hier 1892/94 - in dem Berlin des beginnenden Wilhelminismus!

Die eigentliche Entdeckung Berlins durch die Amerikaner aber begann, so Gordon A.Craig, mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, der Luftbrücke und der Verteidigung der "Zukunft der Demokratie" in Berlin.Über dieses Stück jüngerer Zeitgeschichte denkt Craig unvermindert groß.Mit Mißfallen sieht er deshalb die Tendenz, den erfolgreichen Gang der Dinge für zwangsläufig zu halten.Es hätte, so Craig, alles anders kommen können - etwa mit einem ängstlichen Präsident Truman.Oder mit einem Kennedy, der nicht, bei seinem berühmten Besuch im Jahre 1962, so rasch bereit gewesen wäre, Berliner zu werden.In dessen Satz, daß in einer freien Welt alle Menschen von sich sagen werden können, sie seien Bürger von Berlin, fand Craig schließlich eine Fassung jener anonymen Berlin-Lobrede, mit der er seine Rede begonnen hatte - nicht ganz so hoch angesetzt, aber dafür frei von jeder Zweideutigkeit.Langer, warmer Beifall für einen Autor, der seinen festen Platz in der Zuneigung des Publikums hat. Rdh.

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