Kultur : Erstbegeigung

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SOTTO VOCE

Carsten Niemann über die

Urangst vor der Uraufführung

Es ist doch ein seltsames Ding um so eine Uraufführung. Voller Vorfreude hat man das Programm des Konzertabends studiert und ist dabei, bevor man noch den Konzertsaal betreten hat, auf viele gute Bekannte gestoßen. Doch plötzlich taucht da, zwischen Beethoven und Brahms, Mozart und Prokofjew ein fremdes Gesicht auf, das einen stutzen lässt. Wer bitte? Nein, nie gehört. Und was prangt da hinter dem Werktitel? Zwei lapidare, in Klammern gesetzte Großbuchstaben: (UA). Uraufführung. Ein Wort, das beim Konzertpublikum noch immer vor allem eines auslöst: Urängste. Urängste vor dem Fremden, der in das eigene Revier eindringt, das Partygeplauder stört. Doch die Gastgeber haben vorgebaut: Sie platzieren Herrn oder Frau UA an den Anfang des Programms. So plaudert man eine Weile mit Anstand, bis der Neue sanft hinausgeführt wird, sich die gewohnte Runde nach hinten ins Herrenzimmer zurückzieht und die Tür fest schließt.

Wer aber beim Arditti-Quartett ein und aus geht, das am Dienstag im Kammermusiksaal der Philharmonie den Gastgeber spielt, sollte schon ahnen, dass hier regelmäßig junge Schnösel neben älteren Herrschaften mit frischen Partituren unter dem Arm herumlungern (diesmal neben György Ligeti mit seinem ersten und zweiten sowie Belá Bártok mit seinem vierten Streichquartett). Angsthasen und Kontaktgehemmte, seid getrost: Die Ardittis sind vorzügliche Gastgeber. Bei ihnen sind nicht nur Uraufführungen Alltag, sie haben auch die Gabe, ein junges Talent neben den alten Meistern souverän aussehen zu lassen. Ihr Geheimnis: die Lust zur intensiven Zusammenarbeit mit dem Künstler und eine Neugier auf Persönlichkeiten und nicht nur Namen.

Chanaral Ortega-Miranda heißt übrigigens der Neue, den die Ardittis in unsere feine Gesellschaft einführen: Erst 1998 machte der 1973 geborene Chilene bei einem Sommerkurs der Pariser Talentschmiede IRCAM auf sich aufmerksam. Wer noch mehr wissen will, hat dazu die Gelegenheit bei der Einführungsveranstaltung um 19 Uhr, eine Stunde vor Konzertbeginn.

Wen das alles noch nicht hat neugierig machen können, weil er oder sie mit Recht vermutet, dass Neue Musik eben doch neu klingt, sei immerhin ein anderer unbekannter Name ans Herz gelegt, dem man ebenfalls am Dienstag gleich nebenan im großen Saal gegegnen kann: Schumann heißt er, und nur seinem Vornamen Georg hat er es zu verdanken, dass sich die Kennermiene des Konzertgängers zum Fragezeichen verzieht. 52 Jahre lang leitete Schumann die Sing-Akademie zu Berlin, nun hat sich der Philharmonische Chor unter der Leitung von Jörg-Peter Weigle seines 1908 entstandenen Oratoriums „Ruth“ angenommen. Ein Werk, das auch jenseits des Atlantiks wohlwollend aufgenommen wurde. Die „American Ocean Zeitung“ feierte ihn damals gar als „Richard Strauss überlegen“. „ Georg Schumann “, so die gute Botschaft aus Übersee, „mag nicht das ungeheure technische Geschick haben, das Strauss befähigt hat, solche Wunder orchestraler Effekten zu bieten. Aber er hat etwas Besseres. Er versucht nicht, uns zu erstaunen durch orchestrale Waffen, durch grausame Dissonanzen oder durch Gegensätze. Vielmehr sucht er eine Symbolik für die Poesie eines einfachen Gegenstands zu finden.“ Das Urteil ist fast hundert Jahre alt, aber vielleicht noch immer gültig.

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