Erste deutsche Biografie über P.G. Wodehouse : Wodehouse im Wunderland

Der englische Schriftsteller P.G.Wodehouse wird bis heute weltweit für den Witz seiner Gesellschaftsromane geliebt. Die erste deutschsprachige Biografie über ihn widmet sich jetzt einem wenig bekannten Kapitel seines Lebens: Wodehouse geriet 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft und ließ sich in die Propagandamaschinerie des NS-Regimes einspannen.

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Der Dandy Bernie Wooster und sein Kammerdiener Jeeves sind Wodehouse' bekannteste Figuren. Hier in einer Theaterinszenierung in London.
Der Dandy Bernie Wooster und sein Kammerdiener Jeeves sind Wodehouse' bekannteste Figuren. Hier in einer Theaterinszenierung in...Foto: picture alliance / empics

Bericht aus einem Lager. „Für die Gefangenschaft spricht allerlei. Man versumpft nicht in den Spelunken und kommt wieder mal zum Lesen. Außerdem hat man reichlich Gelegenheit zum Schlafen. Der größte Nachteil liegt darin, dass man sein trautes Heim eine Ewigkeit nicht mehr zu sehen bekommt. Mich betrübt der Gedanke, dass mich mein Pekinesenweibchen bestimmt längst vergessen hat und mich bei unserer nächsten Begegnung wie jeden Fremden bis auf den Knochen beißen wird.“

Man muss sich diese Geschichte in Oxford-Englisch vorstellen, vorgetragen im näselnden Stiff-upper-lip-Akzent eines Vertreters der britischen Oberschicht. Die Stimme gehört P. G. Wodehouse, im Juni 1941 nimmt er in Berlin die erste von fünf Radioansprachen auf, die vom Deutschen Kurzwellensender in englischer Sprache in die USA und nach England ausgestrahlt werden.

Zu diesem Zeitpunkt hat der Schriftsteller ein elfmonatiges Martyrium in verschiedenen Internierungslagern hinter sich. Im Sommer 1940 waren er und seine Ehefrau in ihrer Villa im nordfranzösischen Küstenort Le Touquet vom Vormarsch der deutschen Wehrmacht überrascht worden. Nachdem ein Fluchtversuch slapstickhaft mit zusammengebrochenem Auto gescheitert war, wurde Wodehouse verhaftet und in ein Gefängnis bei Lille gebracht.

Am Ende landete er mit rund 1200 anderen Gefangenen, vor allem britischen Zivilisten, in einem ehemaligen „Arbeitshaus für Arbeitsscheue“ im schlesischen Städtchen Tost. Wodehouse nahm in dieser Zeit zwanzig Kilo ab. Er kaute Streichhölzer, um den Hunger zu besänftigen, arbeitete an Romanen und schrieb das Lagerbuch „Wodehouse in Wonderland“. Tost gehörte zu den Vorzeigelagern, mit denen das nationalsozialistische Deutschland die Einhaltung der Genfer Konventionen demonstrieren wollte. Es wurde von internationalen Delegationen des Roten Kreuzes und des YMCA besucht, ohne dass es zu Beanstandungen gekommen wäre.

Im Lager verlor Wodehouse 20 Kilo

Doch in Wirklichkeit war das Leben dort weitaus härter als das, was die Besucher zu sehen bekamen. Einige Männer starben an Entkräftung, andere erlitten einen Nervenzusammenbruch, ein paar brachten sich um. Wodehouse, Erkennungsnummer 796, schottete sich mit dem Schreiben ab von der Wirklichkeit. Seine Geschichten, in denen kein Hunger, keine Nazis und kein Tod vorkamen, waren für ihn ein Weg heraus aus Zeit und Raum. Purer Eskapismus. Er empfand die Haft als belebend. Die Männergesellschaft in den Baracken erinnerte den fast 60-jährigen Mann an seine Internatszeit.

„Das Lagerleben mag seine Nachteile haben, aber wenigstens erlangt man seine Jugend zurück“, notierte er im Tagebuch. Einige seiner humoristischen Episoden aus der Internierung hat Wodehouse den Mitgefangenen vorgelesen. Sie waren beinahe identisch mit den späteren Radioansprachen und wurden begeistert aufgenommen.

Doch was im Lager als ein Stück aufbauender Unterhaltung funktionierte, verlor außerhalb seine Unschuld. Da herrschte Krieg, und das Auswärtige Amt, von dem die Initiative zur Ausstrahlung ausging, nutzte den Witz von Wodehouse zu aggressiver Propaganda. Die Botschaft lautete: In einem deutschen Gefangenenlager ist es gar nicht so schlimm. Und wir haben hier diesen weltberühmten Autor, der gerne mit uns kooperiert. „Für Wodehouse’ naiv-kindliches Gemüt spielte Politik kaum eine Rolle“, schreibt der junge Potsdamer Anglist Martin Breit in seiner gerade erschienenen ersten deutschsprachigen Biografie über den Schriftsteller.

Orwell verteidigte Wodehouse

Allenfalls „das politische Desinteresse und seine Naivität“ könne man ihm vorwerfen. Die Berliner Sendungen liegen seit kurzem in einem Band über „Wodehouse im Krieg“ vor, zusammen mit George Orwells Verteidigungsschrift für den Schriftsteller. „Es ist grober Unfug, seinen Büchern ,faschistische Tendenzen' anzudichten“, befindet Orwell. „Es gibt darin überhaupt keine Tendenzen, die über das Jahr 1918 hinausweisen.“

Die Radioaufnahmen im deutschen Auftrag entwickelten sich für P.G. Wodehouse zum Knacks, zu einem Bruch in seinem Lebenslauf. Zusammen mit einem Interview, das er im Berliner Hotel Adlon dem amerikanischen Radiosender CBS gab, vermittelten sie seinen Landsleuten das Bild eines unpatriotischen Engländers, der in der Hauptstadt des Feindes im Luxus lebt und sich für seinen Verrat hat kaufen lassen. Zu dieser Zeit, vor dem Kriegseintritt der USA und der Sowjetunion, war Großbritannien das einzige Land, das Deutschland trotzte.

„Fünfzigtausend unserer Landsleute sind in Deutschland versklavt. Wie viele von ihnen sind heute im Hotel Adlon? Stacheldraht ist ihr Kissen. Sie leiden, aber sie verkaufen sich nicht“, giftete die BBC in einem Radiokommentar. Viele englische Bibliotheken entfernten die Bücher von Wodehouse aus ihren Regalen, Schriftstellerkollegen wie der Dramatiker Sean O’Casey oder der Winnie-the-Pooh-Schöpfer A.A. Milne, der vor dem Krieg ein enger Freund gewesen war, übten scharfe Kritik an Wodehouse.

Nach Kriegsende, das er in Paris erlebte, wurde Wodehouse von der französischen Polizei festgenommen und wegen „Beteiligung an deutscher Propaganda“ für mehrere Wochen inhaftiert. Churchill bat den britischen Botschafter in Paris, dafür zu sorgen, dass der Autor für immer auf dem Kontinent bleibe: „Wir würden es vorziehen, nie wieder von ihm zu hören. Sein Name stinkt hier.“ 1947 ist Wodehouse mit seiner Frau in die USA übergesiedelt, die schon in den dreißiger Jahren ihre zweite Heimat waren. Bis zu seinem Tod 1975 sollte er nicht mehr nach England zurückkehren.

Aber Wodehouse’ Ruhm hat alle Anschuldigungen überlebt. Der 1881 in Surrey geborene Schriftsteller war enorm produktiv, er schrieb fast 90 Romane, Hunderte Kurzgeschichten, außerdem Theaterstücke, Musicals und Drehbücher. Seine nahezu ausschließlich im englischen Adel und der Oberschicht spielenden Romane und Storys verströmen eine Aura von Englishness wie sonst nur Tweedjacken oder der Five o’Clock Tea. „Für Mr. Wodehouse ist der Sündenfall nie eingetreten. Seine Charaktere haben nie von der verbotenen Frucht gekostet. sie sind immer noch in Eden. Er hat eine Welt erschaffen, in der wir voller Vergnügen leben können“, hat der Schriftstellerkollege Evelyn Waugh bemerkt.

Wodehouse erschuf einen eigenen Kosmos

Ein Schauplatz dieser Welt ist das Schloss Blandings, wo der schrullige Clarence Rupert Rochester, Earl of Emsworth residiert, der seine heiß geliebte Sau „Empress of Blandings“ genannt hat. Die berühmtesten Bewohner des Wodehouse-Kosmos sind aber Wooster und Jeeves, ein schnöseliger Dandy mit einem „Gesicht wie eine Kühlerhaubenfigur“ und sein superkluger Kammerdiener, der bekannt dafür ist, einen Raum lautlos zu betreten. Herr und Knecht tauchen in 10 Romanen und 34 Kurzgeschichten auf. Bertie Wooster – das ist eine Standardsituation – soll von seiner Tante Agatha, einer „menschlichen Schnappschildkröte“, immer wieder mit einer höheren Tochter verheiratet werden, kämpft aber mit Jeeves erfolgreich um seine Freiheit. Dabei entwickelt sich reichlich Slapstick, und komisch sind die Geschichten vor allem dank des so ironischen wie intelligenten Plaudertons, in dem sie vorgetragen werden.

Wodehouse war ein konservativer Utopist. Er sehnte sich nach der Welt seiner Kindheit zurück und erschuf sie in seinen Büchern einfach neu. Breit spricht in seiner umfassend recherchierten Biografie von einem „Alternativen Universum“. In diesem Universum leben die im Ersten Weltkrieg getöteten jungen Engländer weiter, im „Drones Club“ etwa, der auch von Bertie Wooster frequentiert wird. Seine Arbeitsweise, hat Wodehouse gesagt, sei es, „quasi Musical Comedys ohne Musik zu schreiben und das echte Leben komplett zu ignorieren“. Wodehouse’ beiläufiger Witz veraltet nicht. Deshalb ist es bis heute großartig, ihn zu lesen.

Martin Breit: P. G. Wodehouse, Gentleman der Literatur. Römerhof Verlag, Zürich 2014, 348 S., 32 €.

Thomas Schlachter: Wodehouse im Krieg. Edition Epoca, Bern 2014. 191 S., 19,50 €. Bei Edition Epoca erscheint auch eine Werkausgabe mit Neuübersetzungen von Wodehouse-Romanen.

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