Kultur : Erster Weltkrieg aus neuer Perspektive

Zum 100. Jahrestag des Kriegsbeginns von 1914 entsteht an der Freien Universität Berlin eine Online-Enzyklopädie über den Ersten Weltkrieg.

Gisela Gross

Es war die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“: Der Erste Weltkrieg kostete 17 Millionen Menschen das Leben, weitere 20 Millionen Soldaten wurden verwundet, etliche davon bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Etwa 40 Staaten waren direkt oder indirekt beteiligt an dieser Tragödie, die nicht nur in Europa, sondern weltweit verheerende Auswirkungen hatte. An der Freien Universität Berlin entsteht zurzeit eine Enzyklopädie zu diesem Thema – umfassend und für alle im Internet zugänglich. „1914-1918-online“ heißt das digitale Werk, das zum 100. Jahrestag des Kriegsbeginns 2014 fertig sein soll.

Das Projekt ist sowohl technisch als auch inhaltlich ehrgeizig. Ähnlich wie bei Wikipedia sollen die Nutzer durch ein System von vernetzten Artikeln immer wieder auf interessante Informationen zum Thema stoßen. Gleichzeitig will die Enzyklopädie geschichtswissenschaftliche Forschungslücken identifizieren und schließen helfen. Mehrere hundert international renommierte Experten werden in den nächsten zwei Jahren an diesem Großprojekt mitarbeiten. „Wir möchten die globalen Zusammenhänge begreiflich machen“, formuliert Alan Kramer, Historiker am Trinity College Dublin, seine Erwartungen.

Alle Fäden des Vorhabens laufen an der Freien Universität zusammen, genauer gesagt am Friedrich-Meinecke-Institut sowie dem Center für Digitale Systeme (CeDiS) der Universität. Eine Million Euro haben die Historiker um Professor Oliver Janz sowie die Spezialisten für die digitale Erschließung und multimediale Aufbereitung wissenschaftlicher Materialien um Professor Nicolas Apostolopoulos gemeinsam mit der Bayerischen Staatsbibliothek München von der Deutschen Forschungsgemeinschaft eingeworben. Die Deutschen Historischen Institute in London, Paris, Warschau, Rom und Moskau sind ebenfalls maßgeblich an dem Projekt beteiligt.

Die Online-Publikation unterscheidet sich stark von den konventionellen Abläufen bei der Herausgabe von Monografien oder Sammelbänden. Die Zusammenarbeit der internationalen Experten wird durch neue technologische Verfahren unterstützt. Zudem werden Navigationsverfahren für die Online-Enzyklopädie entwickelt, die es dem Nutzer ermöglichen, sich mit dem Krieg und seinen Folgen aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln zu beschäftigen. Dabei sollen auch sogenannte „Semantic-Web-Techniken“ zum Einsatz kommen, die den Nutzer neue Verbindungen zwischen einzelnen Inhalten entdecken lassen. Interessiert sich jemand beispielsweise für den „Steckrübenwinter“ – die Krise der Nahrungsmittelversorgung in Deutschland im Winter 1916/1917 – wird er durch entsprechende Hinweise auf den Internetseiten auch auf die alliierte Blockade der internationalen Handelswege aufmerksam. Diese Blockade war wiederum eng mit dem deutschen U-Boot-Krieg gegen Großbritannien verbunden, über den sich der Nutzer dann auch mittels Bild- und Filmmaterial informieren kann.

Dass das Vorhaben gelingen wird, steht für Professor Michael Bongardt, Vizepräsident der Freien Universität, außer Frage: Beim ersten Zusammentreffen von etwa 60 Fachleuten Mitte Januar betonte er die große Expertise der Freien Universität in der E-History – der elektronischen Aufarbeitung historischer Erkenntnisse, etwa mit digitalen Zeitzeugenarchiven und Multimediaplattformen. Die vielen ausländischen Beteiligten spiegelten zudem die internationale Netzwerkphilosophie der Universität wider.

Dieser erste Workshop leitete die Realisierungsphase des Projekts ein und diente dem gegenseitigen Kennenlernen. „Das Projekt ist das erste wirklich globale zum Ersten Weltkrieg, hinsichtlich der Themenstellung und der Mitarbeiter“, sagte die Historikerin Ute Daniel. Die Wissenschaftlerin der TU Braunschweig ist neben Oliver Janz von der Freien Universität Berlin und Alan Kramer eine von drei Gründungsherausgebern der Enzyklopädie.

„Die Rolle kleinerer Staaten sowie der außereuropäischen Welt im Ersten Weltkrieg kommt bislang in der Forschung viel zu kurz“, sagt sie. „Es ist ebenfalls unklar, wie sich die militärischen Entscheider über Ländergrenzen hinweg wahrnahmen, ob und wie sie kommunizierten.“ Insbesondere die Vor- und Nachkriegsjahre seien noch unzureichend erforscht.

Alan Kramer sieht ebenfalls viele Themen, die es für die Allgemeinheit aufzuarbeiten gilt: „Die Folgen des Kriegs im Osten – allein im russischen Bürgerkrieg mit mindestens 14 Millionen Toten und mit massiver antisemitischer Gewalt – waren noch katastrophaler als im Westen“, sagt der Historiker. „Erst in den letzten Jahren wird über Afrika und Asien geforscht: Heute ist fast vergessen, dass der Krieg zwischen Deutschen und Briten in Deutsch-Ostafrika ohne die Zwangsarbeit von einer Million Schwarzafrikanern nicht möglich gewesen wäre und dass er Hundertausende das Leben kostete“, sagt Kramer.

Auf der Grundlage des frei zugänglichen Internetangebots sollen auch Schulklassen und Universitätsseminare in der Lage sein, sich über wichtige Tatsachen ein neues und umfassenderes Bild zu machen und mit diesen Informationen selbstständig weiterzuarbeiten.

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