Kultur : Erstürmung

Tahar Ben Jellouns Migrationsroman

Marie-Luise Knott

Vor kurzem erschien eine kleine Geschichte mit dem großen Titel „Der letzte Einwanderer“: An einem Tag wie jedem anderen verlässt der letzte Araber das Gastland Frankreich. Zum Abschied erscheint der Staatspräsident. Alles ist in bester Ordnung, der Heimkehrer ist wohlgemut, die Franzosen krempeln die eigenen Ärmel hoch. Doch dann stellt sich heraus: Mit Mohammed Lemmigri, wie der letzte Einwanderer heißt, verschwinden nicht nur die billigen Arbeitskräfte, sondern auch alle Produkte und Worte arabischer Herkunft wie Kaffee, Alkohol, Aprikosen, Soda, Scheck und Algebra.

Diese Geschichte ist ein Gespinst des marokkanisch-französischen Schriftstellers Tahar Ben Jelloun. Sein jüngster Roman „Verlassen“ verhält sich komplementär dazu. Er beginnt im Café Hafa in Tanger, wo Jugendliche herumlungern und sich in das spanische Tarifa hinübersehnen. Die meisten träumen davon, ihr Land zu verlassen, der Misere zu entkommen; sehnsuchtsvoll schauen sie den Warenkisten nach, die auf die Schiffe verladen werden.

Im Café mit Meerblick trifft sich fast das gesamte Personal des Romans: die Auswanderer, Schlepper, Prostituierten und die übrigen Daheimbleibenden. Man sitzt da, kifft vielleicht – und schaut zu, wie in dem längst erkalteten Pfefferminztee die vom Zuckerwasser angelockten Bienen ertrinken. Zwar wissen alle hier um die tödlichen Gefahren der illegalen Überfahrt. Doch viele denken: Ich könnte die Ausnahme sein. Der Titel des Romans „Verlassen“ ist gut gewählt, denn er hat im Unterschied zum französischen Original „Partir“ mehrere Bedeutungen. Fast alle im Roman sind „verlassen“: sowohl diejenigen, die in Tanger zurückbleiben – die Familie von Azel, der Aktivist des Dableibens Abdeslam, und der Schmuggler Al Afia –, als auch diejenigen, die in Spanien ankommen: darunter Azel selbst, Kenza, Siham. Wenn der Aktivist des Dableibens argumentiert, man solle warten, irgendwann kapieren die Europäer, dass sie uns brauchen, ist die Geschichte vom „letzten Einwanderer“ wieder gegenwärtig.

Die Emigranten sind leichte Beute für die Polizei, für die Terroristen, aber auch für Tanzlokal-Besitzer oder schwule Lebemänner. Ein Kontakt zwischen Marokkanern und Spaniern kommt nicht zustande, obwohl sich anders als in der Historie im Roman niemand aktiv abschottet. Die Menschen sind einander gleichgültig. Jeder lebt für sich, nur polizeiliche Maßnahmen und das gemeinsame Schicksal stiften Begegnungen. Die Verhältnisse in Marokko sind keineswegs vielversprechender. Der Aktivist des Dableibens stottert, der marokkanische Polizist raucht geschmuggelte Zigaretten, Arbeit und eine demokratische Erneuerung bietet das Land seinen Bewohnern nicht.

Der vielfach ausgezeichnete Tahar Ben Jelloun, der in der französischen Einwanderungsdebatte neue Perspektiven beleuchtet hat, verdankt Szene und Personal von „Verlassen“ umfangreichen Recherchen, die er mittels fiktiver Überhöhung und symbolischer Aufladung gebündelt hat. Bei aller Tristesse überwiegt eine von der Übersetzerin präzise eingefangene Lakonie, und Ben Jellouns formale Entscheidung, keine durchgehende Erzählung zu schreiben, sondern nur in kleinen Kapiteln einzelne Momente im Leben der Figuren zu beleuchten, spiegelt deren zersplitterte Lebenswelten. Bewusst verzichtet er auf jedes moralische Urteil und gibt – am Ende regnet es Pässe von den Bäumen und Don Quijote kehrt zurück – dem Irrationalen Raum.

Doch ob sich im Hier und Heute Afrikas etwas Neues stiften lässt, das stärker ist als die Wirklichkeit der Verlassenen und in keine mythische Vormoderne abrutscht – das ist eine offene Frage.

Tahar Ben Jelloun: Verlassen. Roman. Aus dem Französischen von

Christiane Kayser.

Berlin Verlag.

264 Seiten, 19,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar